Essay: Über Ungleichgültigkeit

Autor*in: Jannik

Da sich dieses Projekt um ein Wort dreht, das es eigentlich gar nicht gibt, soll sich dieser Essay mit der Wortneuschöpfung (Neologismus) des Wortes „ungleichgültig“ befassen und das Wort einmal etwas näher betrachten.

Das Wort ist zusammengesetzt aus der Wurzel „gleich“ und „gültig“. Nicht zu vergessen ist, dass sich vor der Wurzel die Vorsilbe (oder Präfix) „un-“ befindet. „Un-“ ist hier ein sogenanntes negatives Präfix: der Wurzel hinzugefügt, drückt es ihr Gegenteil aus.

„un-gleich-gültig“

Das Wort negiert also „Gleichgültigkeit“, bedeutet nun ihr Gegenteil. Gleichgültigkeit wiederum, ist ebenfalls zusammengesetzt aus den Worten „gleich“ und „gültig“. Einmal so betrachtet, könnte man annehmen, dass es doch etwas Gutes sei, wenn Dinge die gleiche Gültigkeit besitzen. Zum Beispiel „Meinung A hat dieselbe Gültigkeit wie Meinung B“. Wenn ich etwas als gleichgültig bezeichne, spreche ich der Sache dann die gleiche Gültigkeit, den gleichen Wert zu? In seiner Herkunft hatte das Wort „Gleichgültigkeit“ genau diese Bedeutung. Nämlich „etwas ist gleich gültig, wie etwas anderes“. Es wird also eine Wertung vorgenommen, die einer Sache genau dieselbe Gültigkeit zuspricht wie einer anderen. Es wird damit anerkannt, dass zum Beispiel die Meinung eines anderen genauso gültig ist wie die eigene. Gleichgültigkeit zeugt von Respekt vor der Gültigkeit eines anderen.

Doch spätestens nach einem Blick in den Duden ist klar, dass dem heutzutage nicht mehr so ist. Das Wort besitzt heute allgemein eine negative Bedeutung wie 1) ohne Interesse, Teilnahme an etwas 2) nicht wichtig; unbedeutend Gleichgültigkeit wird oft als negative menschliche Eigenschaft beschrieben (ähnlich wie „Apathie”). Sie beschreibt dann einen gleichgültigen Menschen als einen, der keine eigene Meinung hat, sich kein Urteil bildet und nichts bewertet. Er unternimmt auch keinerlei Handlungen, um offensichtlich ungerechte oder unethische Zustände zu verändern. Dabei ist der gleichgültige Mensch nicht zu verwechseln mit dem „gleichmütigen“ oder „gelassenen Menschen“. Denn während der gleichgültige Mensch schlicht nicht wahrnimmt oder empfindet, tut dies der Gelassene im Vergleich schon, jedoch ist er in der Lage, sich zu distanzieren und „loszulassen“. Gleichgültigkeit ist also, allgemein bekannt, keine besonders wünschenswerte Eigenschaft. Die Religionen fordern meist aktive Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, im Berufsleben sind Dinge wie die Fähigkeit zur Gruppenarbeit, Engagement und Aufmerksamkeit gefragt und auch privat gilt übertriebene Gleichgültigkeit bei Vielen als unattraktiv.

Aber ist unsere Wortneuschöpfung „Ungleichgültigkeit“ nun schlicht eine Negation, das Gegenteil von „Gleichgültigkeit“? Es bedeutet auf jeden Fall Interesse, Anteilnahme, die Fähigkeit zur Empfindung, sei sie nun Lust oder Unlust. Es bedeutet, dass einem Dinge nicht belanglos erscheinen oder unwichtig, uninteressant oder egal. Doch da unser Wort nicht im Duden steht, und keine festgeschriebene Definition besitzt, ist es wandelbar und vielseitig. Die Gespräche im Team sowie die vielen Interviews mit den großartigen Menschen in Bielefeld haben gezeigt, dass Ungleichgültigkeit vieles bedeuten kann, viele Formen annehmen kann und für Interpretation offen ist. Ungleichgültigkeit kann eine Einstellung sein, die man hat oder es kann etwas sein, dass in einer Handlung zum Ausdruck kommt.