Judith Müller

Judith

Ich bin Judith (26), gelernte Sozialarbeiterin und studiere Politikwissenschaft in Bielefeld. Neben meinem Studium arbeite ich als Schulsozialarbeiterin in einer internationalen Klasse. Geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Leipzig mit Zwischenstopps in Münster und Kiew, lebe ich seit zwei Jahren in Bielefeld. Was mich auf diesen Stationen von klein auf begleitet hat, ist meine Freude an Sprachen, Theater und Film sowie Engagement in diversen sozialen Projekten. (Bielefeld)

Kontakt: jm.mail@gmx.net

Wo und wann bist du ungleichgültig? Und warum?

Meine beruflichen und ehrenamtlichen Projekte vereinen die Auseinandersetzung mit Hürden, die gerechte Teilhabe verhindern. Sprachbarrieren, Benachteiligung aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder Sexualität, fehlende Rampen auf dem Weg zur Arbeit oder auch finanzielle Nöte: all das sind Hindernisse, die soziale Ausschlüsse erzeugen. Wir bemerken diese Hürden, wenn wir auf sie achten wollen. Entscheiden wir uns dafür, bedeutet dies für mich ungleichgültig zu sein. Warum? Darauf gibt es keine klare Antwort. In meiner Familie wurden Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität immer stark positiv besetzt. Ungerechtigkeit wurde viel thematisiert und aktiv begegnet. Ich hatte daher ungleichgültige Vorbilder. Aber auch eigene berufliche und private Auseinandersetzungen mit ungerechten Chancen und gesellschaftlichen Ausschlüssen haben mich sicher geprägt. Für mich ist Ungleichgültigkeit eine Art “Brille” mit der ich Gesellschaft betrachte und daraus Konsequenzen für mein Handeln ziehe.

Wo und wann bist du gleichgültig? Und warum?

Gleichgültigkeit ist ein Zustand, den ich in der Situation selbst meist nicht so stark bemerke. Aktiv für etwas einzutreten ist mit Anstrengung, Willen und Kraft verbunden. Gleichgültigkeit dagegen fühlt sich für mich passiv an. Aber manchmal hat dieser Zustand auch eine nützliche Funktion. Insbesondere Menschen, die sich schnell für Dinge begeistern können, neigen dazu, sich selber zu vernachlässigen, wenn der Einsatz für Andere oder selbstgewählte Anliegen stark im Fokus steht. Gleichgültigkeit ist da möglicherweise ein Ventil, um Überforderung zu vermeiden. In mir selber überwiegt, sicherlich auch durch meinen beruflichen Hintergrund geprägt, immer leicht die Ungleichgültigkeit. Da ist es manchmal ganz erfrischend, dass es Bereiche wie Sportwetten, Luxusschlitten oder Groschenromane gibt, die mich kalt lassen. Jede Person hat Themen, die einen weniger berühren. Das ist aus meiner Sicht eben auch funktional. Wegschauen in manchen brenzligen Situationen ist ein Teil davon. Aber am Ende ist es für eine solidarische Gemeinschaft wichtig, dass in Momenten, in welchen ich nicht hinsehe, Andere dafür ungleichgültig werden.

Wie könnte eine ungleichgültige Stadt aussehen?

Eine ungleichgültige Stadt ist für mich eine Gemeinschaft, die Alle mitdenkt. Dieser Grundsatz ist schneller in Konzepte geschrieben, als praktisch umgesetzt. Wer sind Alle? Alle die hier wohnen oder einen gemeldeten Wohnsitz haben? Alle die wählen und somit ein gewisses Alter und staatliche Zugehörigkeit besitzen? Alle die sich Gehör verschaffen (können)? Alle gleichermaßen? Für mich ist eine ungleichgültige Stadt ein Forum, in dem diese Fragen diskutiert werden und immer wieder reflektiert werden. Das ist sicherlich zeit- und nervenintensiver als die Formulierung von Leitlinien, aber es ergeben sich dadurch zumindest echte Teilhabechancen.

Möchtest du lieber eine eigene Frage beantworten? Oder ein Statement abgeben? Dann gerne hier:

Mit der Plattform Ungleichgültig wollte ich mit Freund:innen eine Bühne für interessante Menschen und deren Anliegen schaffen. Die Arbeit des vergangenen Jahres hat mich sehr bereichert. Neben der Arbeit in einem fantastischen Team, haben mich vor allem die Geschichten der 28 Interviewten inspiriert. Hingabe, Mut, Kraftanstrengung, Aufmerksamkeit und Einsatz – diese Eigenschaften sind nur ein Bruchteil von dem, was uns die 28 gezeigt haben. Ich finde es bemerkenswert, wie vielseitig die Anliegen der Menschen sind und dass es mit dem Begriff „ungleichgültig“ dennoch etwas gibt, was deren Einsatz für mich verbindet.

Foto: ©️ 2020 Lara Müller