Essay: Gabenzaun

Autor*in: Luca Briewe

Seit drei Jahren arbeite ich hauptberuflich als Autorin und habe jetzt ein Arbeitsstipendium des Landes NRW bekommen. Das Projekt umfasst rund zehn Kurzgeschichten. Die literarischen Texte, die der Frage nachgehen, inwieweit benachteiligte Gruppen durch die Pandemie noch weiter an den Rand gedrängt werden, beruhen auf Recherchen und Interviews aus dem Jahr 2020. Im Ergebnis sollen sie sowohl als Print- als auch als Hörtextversion vorliegen. Ich schreibe unter dem Pseudonym Luca Briewe und veröffentliche unter meinem bürgerlichen Namen Jutta Krähling vorwiegend im Kinder- und Jugendbuchbereich.

Gabenzaun
In der Drogerie ist es leer, nur eine grell blondierte Frau steht am Ständer mit den Tüchern und hält sie abwechselnd an ihren Jackenärmel.

Sie geht durch den Raum, als ginge sie durch eine Galerie, bis eine Verkäuferin sie anspricht.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“

„Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk für meine Freundin. Ich sehe mich nur um, aber ich merke sofort, wenn es das Richtige ist. Meine Freundin hat einen sehr eigenwilligen Geschmack.“

Sie schlendert hinüber zu den Parfüms und sprüht sich etwas auf ihr Handgelenk. Und dann, um den Geruch nicht zu überdecken, nimmt sie eine Duftprobe auf ein Papierstäbchen, das sie in die Jackentasche steckt. Sie lernt die Produkte aus den Illustrierten auswendig und fragt gezielt nach einer Tagescreme. Sie bittet um die neuesten Make-up-Proben, aber die Verkäuferin schüttelt bedauernd den Kopf. Im Ausgang bemerkt sie, dass auf der Straße eine Frau in ihrer Handtasche kramt. Ein Lippenstift und ein Papier fallen herunter.

„Vielen Dank.“ Sie geht hinaus und stellt den Fuß auf das Papier. Sie bückt sich, um ihren Schuh zuzubinden, aber das Papier ist nur die Quittung eines Schuhgeschäfts. Sie nimmt den Lippenstift und geht die Straße hinunter.

Sie vermisst das Herumreisen, das Couchsurfen in Süddeutschland, die vielen Partys und Noras lachendes Gesicht, das durch die Zahnlücke so jung und frech aussah. Sie vermisst die Nora, die mit ihr am See zeltete, und Karlson, der die Vögel anbellte. Eine Sommerwelt, auch wenn sie nicht wussten, wo sie in der nächsten Woche schlafen würden. Es war so ein leichter, lichter Juli mit langen warmen Nächten. Ein Ferienmonat. Wer brauchte schon Berlin? Wer brauchte einen Freund, einen Job? Sie trank mit Nora und den andern Sekt zu ihrem siebenunddreißigsten Geburtstag und danach badeten sie nachts nackt im See.

Für Wohnstraßen hat sie den richtigen Gang gelernt, ebenso wie für Geschäftsstraßen, wo sie schneller geht, so als hätte sie ein Ziel, um dann wieder vor den Schaufenstern innezuhalten. Manchmal gibt es Bänke, aber dort sitzt sie nie lange und starrt dann wie alle auf ihr Handy, das meist ausgeschaltet bleibt.

Der Lippenstift hat eine grelle Farbe mit einem orangenen Grundton. Den kann sie kaum mal benutzen, aber sie steckt ihn dennoch wieder ein. An Lippenstift zu kommen, ist schwierig, und wenn sie einen besitzt, versucht sie lange damit auszukommen.

Sie vermisst Nora, aber ohne Nora und den Hund ist sie sicherer. Über Nora wird geredet, über diese Obdachlosen, die einen immer anbetteln und die nicht arbeiten wollen und dann diese ganzen Drogen. Wie unangenehm die Innenstädte dadurch wirken. Wie die empörten Blicke sich nach wenigen Sekunden abwenden. Diese Zumutung.

Sie ist unsichtbar und angenehm. Sie trägt nicht wie Nora drei Schichten übereinander und achtet pingelig darauf, höchstens eine, dann aber sehr neue Einkaufstasche mitzuhaben. Das ist jetzt einfacher, weil viele Menschen nur Jutebeutel und alte Rucksäcke zum Einkaufen mitnehmen. Die beste Tarnung ist ihr Make-up. Sie bürstet sich immer die Haare und geht abwechselnd in verschiedene Kaufhäuser. Wenn sie sich unbeobachtet fühlt, sprüht sie Parfüm auf ihre Klamotten, die sie zusammengerollt in einem Sportrucksack bei sich trägt. An einem guten Tag kann sie in den großen Hotels mit erhobenem Kopf durch die Lobby streifen. Wasser und Bonbons für frischen Atem vor dem Sex stehen überall herum, aber oft auch Kekse und Äpfel. Ein Apfel, Klopapier, ein Stück Seife, das ist ein erfolgreicher Morgen.

Sie überprüft ihre Kleidung im Schaufenster. Im Spiegelbild streiten sich zwei Mädchen um eine Bonbontüte. Eine junge Mutter lacht und verteilt die Süßigkeiten.

Nächste Woche kommt der Lockdown. Die Fußgängerzone liegt jetzt schon beinahe unbelebt in der Sonne. Weniger Menschen bedeuten weniger Pfandflaschen und -dosen. Der Platz vor der Schule ist ihr Revier. An den besten Tagen, Dienstag und Donnerstag, schmeißen die Kinder alles in den Müll, bevor sie um vier Uhr die Busse stürmen.

Sie wartet auf einer Bank, denn sie geht immer noch als Mutter durch. Es ist gut so: kinnlange, mittelblonde Haare, mittelalt, mittelgroß, durchschnittlich schlank, unauffällige Kleidung. Unsichtbar, und die Penner können ihr diesen Platz nicht streitig machen. Nicht am Tag, denn sie ist immer die Erste an den Papierkörben. Sie hat Angst vor ihnen, vor dem Alkohol und den Pöbeleien. Was aber, wenn jetzt die Schulen schließen?

Anfang Januar war sie bei einer Freundin in Unna untergekrochen, die sie einlud, damit sie sich von der Trennung erholen konnte. Die ersten vier Tage kochten sie zusammen, hingen abends auf dem Sofa rum und schmückten die Stories ihrer Schulzeit aus. Sie kaufte ein und backte, und Angela warf sich dankbar auf das Sofa, wenn sie von der Arbeit kam. Sie hatte ihr nicht erzählt, dass sie Berlin schon Monate nicht gesehen hatte, und als der Februar warme Tage brachte, musste sie ausziehen. Angelas Misstrauenspegel stieg, sie fragte nach dem Job in Berlin, oder ob sie nicht auch mal was in die Haushaltkasse einzahlen könnte. Verdammt, klar backte sie gerne, aber wer putzte schon freiwillig dauernd das Klo oder wischte den dämlichen Hausflur, welcher Gast machte das? Sie räumte immer hinter sich auf. Die schönsten Momente waren, wenn sie abends den Schlüssel im Gästezimmer umdrehen konnte und wenn sie Badewasser einließ, sobald Angela die Wohnungstür zuzog. Es gab keinen Streit, aber dann hockte Angelas Freund dauernd in der Küche und zeigte ihr unmissverständlich, dass er sie raushaben wollte. Raus aus dem Gästezimmer, aus der Badewanne, aus der Küche.

Nach drei Wochen konnte sie sich nicht mehr halten. Sie wusch ihre Wäsche und färbte ihre Haare sorgsam nach. Sie füllte Shampoo und Spülung in kleine Gefrierbeutel und klaute eine Gesichtscreme, eine Thermoskanne und eine Jogginghose. Sie forstete die Apotheke durch und nahm Kopfschmerztabletten, Fiebermittel, Magnesium und Multivitaminpräparate mit. An Geld oder Schmuck traute sie sich nicht heran.

Als sie mit ihrem Rucksack zum Bahnhof ging, war das fast so schlimm wie nach dem Wohnungsrausschmiss in Berlin. Ihr Freund Sven zog zu der Neuen und drei Wochen später verlor sie den Job. Aber alleine hätte sie sich die Wohnung in Charlottenburg sowieso nicht leisten können. Es tat weh, dieses sichere Bett aufzugeben. Bei dem Rausschmiss landeten ihre Sachen auf der Straße, ein unordentlicher schäbiger Haufen. Sie hatte geweint und alles mitgenommen, was sie tragen konnte. Immer geweint, bis sie Nora traf, die ihr alles wegnahm, denn das Lieblingsbuch, die neuen Schuhe, die Fotos, der Mixer – nur Ballast auf der Straße. Verticken war ein Nora-Codewort und so vertickten sie die Sachen und bekamen 47 Euro für ihr Restleben.

Sie braucht einen guten Tag. Am letzten Glückstag fand im Park ein Konzert statt. Ein warmer Oktobertag, viele saßen auf dem Rasen und sie mittendrin. Sogar eingenickt war sie, wie als Kind im Schwimmbad. Hier war erlaubt, was ihr sonst nicht mehr gestattet war.

Sie wünscht sich ein Auto. Ein Auto bietet Schutz. Nora hatte ihr gezeigt, wo sie parken konnte, wie sie es von innen verriegelt, nie Radio oder Licht anmachen darf, sondern sich hinten zwischen Rück- und Vordersitz quetschen muss. Der Trick ist, auf einer belebten Straße zu parken, wo nachts Autos fahren, es aber kaum Fußgänger gibt. Ein größeres Auto, das noch ein bisschen TÜV hat, und das sie alle fünf Tage umsetzen kann.

Aber sie hat keines. Kirchen sind gut, Garagen riskant, aber besser als die Straße. Bibliotheken und Cafeterien, zur Not Bahnhöfe, die Flughäfen Köln/Bonn und Düsseldorf. Das sind Freunde in der Not. Sie kennt alle Flughafentoiletten und jeden Bahnhof im Rhein-Ruhrgebiet.

Sie geht die Fußgängerzone hinunter Richtung Bahnhof und hält beim Schnellback inne. Drinnen viele Menschen, alle ohne Mundschutz.

In Cafeterien kleben die Leute auf den Plastikstühlen. Der Wartesaal der Armut. Die Rentner, die nicht heizen können und etwas Abwechslung suchen, Mütter mit zu vielen Kindern. In manchen Cafeten gibt es Wasser und Gläser umsonst. Und immer gibt es Ketchup, Salz, Pfeffer und Zucker, woraus sie sich Getränke mischt. Ein Kaffee dort ist eine Investition für den Tag.

Wenn nur nicht der Lockdown käme! Hätte sie mit Nora ziehen sollen? Nora, die jetzt eine Truppe hat, die mit zwei Hunden auf der Straße lebt. Dann wäre sie nicht so allein. Die auf der Platte, die haben wenigstens sich, haben andere, mit denen sie abhängen können. Und trinken, wenn die Familien und früheren Freunde sie längst in die Urne „Versager“ gestopft haben.

Warum meldet sich Nora nicht mehr? Ist ihr Handy gestohlen? Wenn sie die Nummer wählt, knurrt ein Mann in fremder Sprache hinein.

Nora wollte keine Hilfe. Sie hatten sich im Juni kennengelernt und Nora hatte sie mit nach Köln genommen. Selbst das Ausprobieren in der Kleiderkammer hatte Spaß gemacht. Sie trafen viele lustige Leute, mit denen sie tranken und feierten. Nora besorgte Essen, kannte die Lebensmittelausgaben, die Mittagstische und die Wärmestuben. Nora bettelte und scherzte mit den Leuten auf der Straße und fragte, ob sie ihr auch so ein leckeres Brötchen oder Gummibärchen aus dem Laden mitbringen würden. Ein Spiel, das sie oft gewann. Männer brachten Zigaretten und Schokolade und ältere Muttchen schenkten ihnen Äpfel, Käsebrötchen und Weingummis, nach denen Nora so verrückt war. Und als sie krank wurde, brachte Nora sie nach Düsseldorf, wo sie versorgt wurde und fünf Tage ein Genesungsbett belegte.

Aber Nora hasst die Schlafsäle und die Mehrbettzimmer und in Köln hatte ein Haus sie wegen des Hundes und psychischer Krankheit abgelehnt. Scheinbar kannten sie sie.

Die Schlafsäle bedeuten Anstehen und Warten bei der Dusche, bei der Essens- und Betteneinteilung. Sie riechen gleich, nach dem scharfen Desinfektionsmittel, nach Schweiß und Dreck und manchmal nach Urin. Und die Geräusche sind gleich. Immer weint jemand, schnarcht jemand oder schimpft vor sich hin. Aber so erbärmlich dieses Lager auch ist, es gibt schwarze Listen, die die Diebinnen und Verrückten auf die Straße zurückschicken. Nora will mit Karlson umherziehen. Wenn Nora es nicht schafft, wer dann? Die Straße ist gefährlich und für Frauen noch gefährlicher. Wegen der Männer, die einem auflauern, wenn sie die Gelegenheit haben. Mit Angelas teurer Sporthose und dem Pferdeschwanz könnte sie vielleicht Couchsurfen, aber wer ist jetzt noch auf Reisen?

Sie geht weiter. Den Kaffee verschiebt sie. Draußen ist es warm und es geht auch ohne. Am Bahnhof wird sie ihre Trinkflasche auffüllen, und im Rucksack stecken noch zwei Müsliriegel und eine halbe Paprika.

Sie kommt durch, wenn sie nicht raucht, nicht trinkt, dann schafft sie es ohne Betteln, ohne Klauen und ohne Sperma. Man darf nicht betteln, nicht auffallen, muss heimlich essen und heimlich schlafen. Schlafen ist ein Privileg der Satten. Und Duschen und Waschen ist Würde.

An den vielen schlechten Tagen fehlt ihr der Mut zum Amt zu gehen, wo sie es schon einmal versucht hatte. Beim Jobcenter, den Kopf gebeugt.

„Ich bin unten, nicht drauftreten. Ein Jahr Straße ist fast um. Bitte unterstützen Sie mich und zeigen Sie mir einen Weg. Eine Chance. Einen Schlüssel, bitte.“ Das traute sie sich nicht der barschen Stimme zu sagen. Nur noch 150 cm groß und wenn die Stimme fertig war, blieben noch 130. Niemand geht öfter als zwei- oder dreimal, denn diese letzten Zentimeter braucht man doch so nötig – nötiger noch als das Geld und einen Zimmerschlüssel.

Mitte November hatte sie Nora getroffen, zufällig. In Essen, mitten auf der Straße, direkt vor den Kaufhäusern lagerte die Gruppe. Die schwarzen Hunde, immer schwarz, nie wie die gebürsteten blonden aus den Vororten. Und Nora winkte und rief, aber sie bog schnell um die Straßenecke. Nora versuchte hinterherzulaufen und auch die Hunde, vorweg Karlson, der sie erkannt hatte und jaulte, als einer der Männer ihn an den Ohren packte. Sie musste weg. Noras Haare waren kurz und verkrustet, sie trug eine Kappe, aber man sah die abgeschnittenen Strähnen. Ihr Gesicht war fleckig und sie humpelte beim Rennen. Nora brüllte ihr hinterher.

Nein! Nora und die Hunde, sie brachten sie in Gefahr. Sie war doch erst drei Wochen in dieser Stadt. Unsichtbar. Und sie hatte ihre Orte schon ausgecheckt. Es gab gute Tagesangebote.

Sie geht weiter die Einkaufszone hinunter, Richtung Bahnhof. Immer wieder kriecht die Angst hoch und sie spürt ihren Kiefer vom nächtlichen Zähneknirschen. Die Tauben picken wie verrückt die Krümel von einem alten Lahmacun, als wüssten sie, dass es hier bald nichts mehr zu fressen gibt. Viele Ständer mit bunter Billigkleidung säumen den Weg.

Sie braucht jetzt einen guten Tag. Oder ein winziges Zeichen. Damit sie noch einmal vorsprechen kann. Für ein Zimmer. Ein Little House in Darmstadt oder Bonn. Dort sollen die Mitarbeiter nett sein. Ein winziges Vierquadratmeterzimmer. Mit Schlüssel und

Toilette. Heizbar. Bitte. Ein glücklicher Tag, und sie würde diese Möglichkeit ergattern. Den eigenen Schlüssel. Und wenn sie Nora noch mal träfe, könnte sie ihr etwas anbieten.

Komm mit. Du kannst bei mir schlafen. Aber nicht so, nicht diese Nora, die im Nebelland des Alkohols lebt und mit Männern für Schnaps in ein stinkendes Spermaschweißbett steigt. Die meisten wollen einen so zehn Mal, so vier bis fünf Tage, bis sie einen wieder raussetzen, wenn es gut läuft, ohne blaue Flecken.

Wo steckt Nora? Wo lebt sie? Lebt sie? Ist sie beschützt von Karlson?

Das Bahnhofsgebäude liegt unbeeindruckt wie eine fette alte Katze in der Sonne. Noch fahren Züge. Soll sie nach Köln fahren? Am Dom hat Nora mal erwähnt, dass sie dahinten geboren ist und mit dem Daumen Richtung Chorweiler gezeigt. Würde Nora nach Köln ziehen, weil sie sich dort auskennt?

Sie geht auf das Klo, wäscht sich noch mal durchs Gesicht und probiert den orangenen Lippenstift. So muss es gehen. Im Bahnhof findet sie eine zurückgelassene Tageszeitung und einen Kugelschreiber.

Auf dem Vorplatz gibt es seit zwei Tagen einen Gabenzaun. Angeblich sollen die Tafeln und die Unterkünfte dicht machen. Vielleicht sogar die Mittagstische.

Sie zählt neun Tüten. Morgen, am Samstag, wird bestimmt nachgeliefert. Manche sind richtig beschriftet. Damenpullover Größe 42, Shampoo, Binden, Zahnbürsten und Äpfel. In allen Tüten stecken Äpfel. In manchen jede Menge Lebensmittel, aber auch Konserven, was sie sauer macht, denn wer auf der Straße kann eine Bohnensuppe aufwärmen? Gabenzaun. Es klingt nach Weihnachten. Reichliche Geschenke. Reichliche Gaben. Morgen werden hier wieder viele durchsichtige Tüten hängen. Wie Nikolausstrümpfe. Voller Gaben. Aber ein Gabenzaun bleibt nun mal ein Zaun. Sie wünscht sich eine Wundertüte. Mit einem Wohnungsschlüssel darin. Oder einem Zettel mit einer Telefonnummer. Von Nora.

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Luca Briewe
E-Mail: luca.briewe@web.de