Udo

Udo

Ich bin Pfarrer, in Rente, 66 Jahre alt, Mitglied im „Dialog der Religionen“ in Bielefeld und Mitglied im Verein Wohnquartier-Ost, der ein generationenübergreifendes Wohnprojekt in Stieghorst entwickelt hat.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Wenn ich von Ereignissen erfahre, die Hass oder Angst erkennen lassen oder bei denen Menschen gewaltsam gegen andere werden. Ich finde es furchtbar, dass Menschen wegen ihrer Religion bedroht werden. Beispiele hierfür sind die polizeiliche Überwachung der Synagoge „Haus der Hoffnung“ und die Verbrennung von Koranen in Bielefelder Moscheen vor längerer Zeit. Wir leben in einer Stadt, in der viele Kulturen und Religionen zu Hause sind. Das gilt es zu bejahen und Menschen davon zu überzeugen, die das zum Teil nicht so sehen können. Das Zusammenleben möchte ich mitgestalten.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich habe ein christliches Menschenbild. Wir sind alle Geschöpfe des einen Gottes. Das heißt nicht, dass wir alle gleich wären. Auch die Wege, den eigenen Glauben zu leben, sind verschieden. Aber ein friedliches Zusammenleben zu entwickeln, das können und müssen wir. Das fordern auch die Heiligen Schriften — von der Thora, der Bibel und dem Koran weiß ich es, von anderen vermute ich es.

Udo

„Wir leben in einer Stadt, in der viele Kulturen und Religionen zu Hause sind.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Das Klima verändert sich ständig — zuletzt hat der Lockdown durch die Corona Pandemie die Situation völlig, für manche sogar bedrohlich, verändert. Vorher war es die ökologische Frage, die in den Vordergrund geholt wurde durch die SchülerInnen, die sich im Rahmen von Fridays for Future für eine politische Umorientierung eingesetzt haben. Diese Frage ist nicht gelöst. Aber auch rechtsradikale Demos, die eine große Gegenbewegung hervorgerufen haben, haben deutlich gemacht: da verschiebt sich gesellschaftlich was. Und letzteres in die falsche Richtung.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Es ist ein Klima der Verunsicherung entstanden. Aber es ist auch deutlich geworden: es geht nicht mehr, unbeteiligt zu sein. Jede/r ist durch die Veränderungen gefordert, die eigene Position zu bestimmen und zu formulieren. Bielefeld ist bunt und vielfältig. An vielen Stellen wird das gelebt. Und wo es noch nicht oder nicht mehr gelebt wird ist es die Aufgabe, das glaubhaft zu machen.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Es gibt viele Projekte, die Menschen verbinden, etwa Formen des generationenübergreifenden Wohnens, Nachbarschaftsprojekte, den „Dialog der Religionen“, das Welthaus oder Projekte in der kirchlichen Arbeit… BielefelderInnen sollten dafür gewonnen werden, sich bei diesen und anderen Projekten einzubringen.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Wenn Menschen anderen gegenüber ungerecht, gewaltsam, hasserfüllt sind, hat das Ursachen in ihren Lebenserfahrungen. Das gilt es zu entdecken und damit hoffentlich Haltungen zu verändern.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller