Ruth

Ruth

Ich bin 67 Jahre alt, war Lehrerin an einer Bielefelder Gesamtschule und nachdem ich ein Jahr im Ruhestand war, engagiere ich mich ehrenamtlich. Zum einen übe ich das Amt einer Schiedsfrau aus, zum anderen habe ich im Jahr 2019 eine Ausbildung als ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin absolviert und arbeite im stationären Hospiz „Haus Zuversicht“ in Bethel mit. Ich bin seit über 20 Jahren verwitwet, habe zwei erwachsene Töchter und drei Enkelkinder, die in Berlin leben.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Ich verhalte mich im Alltag selten gleichgültig. Aber wenn ich bemerke, dass jemandem Unrecht angetan wird, spreche ich die Leute an — jedenfalls sehr häufig. Zivilcourage zu zeigen halte ich für eine wichtige zwischenmenschliche Verhaltensweise. Wenn mehr Menschen Zivilcourage zeigen würden und den Mut hätten, direkt zu agieren und sei es „nur“ Hilfe zu rufen, gäbe es vermutlich nicht so viele Gewalttaten auf der Straße oder überhaupt dort, wo Menschen zusammenleben. Schlimm finde ich, wenn man sich Kindern gegenüber aggressiv verhält, da fühle ich mich manchmal unsicher, wie ich reagieren soll, ohne dass die Erwachsenen dann mir gegenüber aggressiv werden.

Wo sind Sie gleichgültig?

In Momenten, in denen mich eine Situation nicht besonders angeht und ich keine Gefahr sehe, bin ich gleichgültig oder desinteressiert. Ich rege mich nicht so schnell auf, wenn wohnungslose Menschen irgendwo lagern, wo sie nicht gern geduldet werden. Ich denke, dass ich ein toleranter Mensch bin.

Ruth

„Viele 'junge Alte' sind fit und in der Lage, sich ehrenamtlich zu engagieren, wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Veränderungen im Verhalten gibt es ganz sicher — gegenüber der Polizei, gegenüber Rettungskräften, NotärztInnen, LehrerInnen — sicher ließen sich noch weitere Berufsgruppen aufzählen, die sich über Respektlosigkeit der Menschen in ihrem Umfeld beklagen. Ich denke, obwohl das vermutlich keine mit Zahlen belegte Symptomatik ist, dass die Vereinzelung der Menschen zugenommen hat, dass die Einbindung in die Verantwortung gegenüber einer Gruppe, wie Vereinen, der Kirche oder der Familie abnimmt. Andererseits hat die Zahl der Menschen, die sich ehrenamtlich engagiert, zugenommen. Was sehr positiv zu bewerten ist.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Durch beruflich notwendig gewordene Mobilität leben mehr Menschen in Singlehaushalten — weil zum Beispiel die Kinder in andere Städte gezogen sind. So geht es mir selbst und vielen meiner FreundInnen. Daraus kann Einsamkeit erwachsen. Wie sich die von mir beschriebene, zunehmende Respektlosigkeit auf das Zusammenleben auswirkt, kann ich nur mutmaßen: Als Reaktion auf respektloses Verhalten in Arbeitszusammenhängen prägen sich mehr Reglementierungen, weniger Mitmenschlichkeit weniger Freude an der Arbeit, schlechte Stimmung und autoritäre Strukturen aus.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Verkehrsgefahren und Aggressivität sollten gemindert werden. Eine stärkere Aufmerksamkeit sollte auf das Engagement im Ehrenamt gelegt werden, um hier Strukturen zu schaffen, sodass es den Menschen leichter fällt, hilfreich tätig zu werden. Viele „junge Alte“ sind fit und in der Lage, sich ehrenamtlich zu engagieren, wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller