Oskar

Oskar

Hallo, ich bin Oskar, 30 Jahre alt und habe in Bielefeld auf Lehramt studiert und auch abgeschlossen, bin dann aber in den Einzelhandel gewechselt. Mein Herz schlägt aber weiterhin für die Sozialarbeit. Nun lebe ich jetzt schon über sieben Jahre in Bielefeld und mir gefällt es hier von Tag zu Tag einfach immer besser.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Es gibt viele Momente, in denen ich mich ungleichgültig zeige. Am stärksten äußert sich das an jedem zweiten Freitag im Monat. An diesem Abend findet der Stammtisch der Regionalgruppe Bielefeld, des TransMann e.V. in den Räumlichkeiten der Aids-Hilfe statt. In diesen Gesprächen steht Ungleichgültigkeit an oberster Stelle.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich selbst bin Transgender und als ich vor ein paar Jahren meine Transition begonnen habe, gab es einfach in Bielefeld und Umgebung keine Beratungs- oder Anlaufstellen für Transgender. Somit gab es für mich nur das große weite Internet, um mir Informationen zu beschaffen. Das waren nicht nur Massen an Informationen, sondern man musste selbst die Binsenweisheiten von den gut recherchierten Informationen unterscheiden. So wurden meine Fragen am Anfang selten beantwortet, eher hatte ich nach einer Recherche noch viel mehr Fragen. So viele Meinungen, Empfehlungen und Warnungen sorgen noch heute manchmal für Verwirrung. Es hat allein sehr lange gedauert, zu begreifen, dass es unter anderem nicht diesen „einen Weg“ durch die Transition gibt. Am Anfang prasseln so viele Informationen auf einen ein und alles ist im Wandel, sodass man versucht ist, sich durch einen fest vorgegeben Weg oder Plan von außen leiten oder stützen zu lassen.

Ich habe die Gruppe in Bielefeld gegründet, um einen Raum zu schaffen, in dem jede/r offen und ehrlich über seine/ihre Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sprechen kann, die vielleicht nicht in allen Punkten mit dem heteronormativen Denken der Gesellschaft übereinstimmen. Der Austausch mit Menschen, die ansatzweise nachvollziehen können, was man in gewissen Situationen durchmacht, kann sehr aufbauend und ermutigend sein.

Oskar

„Individualität und subjektive Identität sind die Eckpfeiler der persönlichen Entwicklung, hin zu einem erfüllten und glücklichen Menschen.“

Wo sind Sie gleichgültig?

Gleichgültig werde ich bei Menschen, die Vielfalt und Individualität nicht schätzen, geschweige denn akzeptieren. Oft entspringt die Ablehnung von etwas Neuem der Unwissenheit. Deswegen versuche ich immer bis zu einem gewissen Punkt Aufklärungsarbeit zu leisten. Doch gibt es leider resistente Menschen auf dieser Welt, bei denen es sich irgendwann nicht mehr lohnt, Energie zu investieren. Dann werde ich gleichgültig, um mich nicht weiter über diesen beschränkten Horizont aufzuregen und meine Zeit in etwas Sinnvolleres zu investieren. Dasselbe gilt für Beleidigungen und persönliche Angriffe aufgrund meiner Transition. Diese kommen leider immer wieder vor und es wird wahrscheinlich auch noch etwas dauern, bis die Akzeptanz gegenüber Menschen, die sich außerhalb der veralteten „gesellschaftlichen Geschlechternormen“ einordnen oder sich einfach gar nicht einordnen, in den meisten Köpfen der Menschen angekommen ist.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

In Bielefeld hat sich sehr viel in den letzten Jahren zum Positiven verändert. Wie gesagt, es gab bis vor ein paar Jahren kaum Angebote im Transgender Bereich. Nun sieht die Situation schon ganz anders aus! Vom Trans- und Queer Cafe für Jugendliche und junge Erwachsene, über verschiedene Stammtische und Selbsthilfegruppen, sowohl für Betroffene, als auch für Eltern beziehungsweise Angehörige, bis hin zu gruppenübergreifenden Vernetzungstreffen, hat sich das gesellschaftliche Klima durch immer stärker werdende öffentliche Präsenz stark verbessert. Bielefeld ist eine sehr bunte und vielfältige Stadt. Natürlich gibt es auch hier engstirnige Menschen, die einem manchmal das Leben schwer machen, aber mithilfe der immer größer werdenden Community gibt es meistens immer jemanden, der/die mit Rat und Tat zur Seite steht.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Durch die wachsende Community erleichtert sich der Informationsaustausch. Gerade im Therapiebereich und Arztbereich können persönliche Erfahrungen sehr hilfreich bei der Entscheidungsfindung sein. Die bürokratischen Eckpfeiler sind in jeder Transition ungefähr gleich, jedoch kommt es sehr auf die persönlichen Bedürfnisse an, welche Schritte wann eingeleitet werden sollen. Ein Erfahrungsbericht vom ersten TherapeutInnenbesuch in der Gruppe kann zum Beispiel etwas die Unsicherheiten vor dem eigenen ersten Termin nehmen. Durch die immer stärker werdende Vernetzung der Gruppen, ist es den Betroffenen langsam möglich, zum Beispiel zwischen verschiedenen ÄrztInnen der Fachbereiche zu wählen. Somit sind die meisten nicht mehr gezwungen, zu diesem/r einen ÄrztIn oder zu keinem/r zu gehen, sondern können es vom eigenen Eindruck abhängig machen.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ich versuche, meine Vorstellung davon mal in aussagekräftigen Punkten zusammenzufassen. Die öffentliche Wahrnehmung, außerhalb der LGBTQ Community, könnte noch verstärkt werden. Das Problem ist, dass selbst die besten Aktionen meistens die Menschen erreichen, die auch in diesem Bereich arbeiten oder sich engagieren. Aufklärung sollte schon bei den Kleinsten in unserer Gesellschaft anfangen. Vielleicht ist es nicht mehr möglich, die jetzigen Generationen durch Aufklärung weltoffener und toleranter zu machen, aber wir können dafür sorgen, dass die nächsten Generationen mit diesem Wissen aufwachsen und es leben. Es wäre auch schön, wenn Behörden und Co. offener, beziehungsweise flexibler auf noch ausstehende Namens- und Personenstandsänderungen reagieren könnten, um den Betroffenen einen öffentlichen Spießroutenlauf zu ersparen. Dasselbe gilt für den Gesundheitsbereich. Zum einen wären feste Regeln sehr hilfreich, da man dadurch einen Anhaltspunkt hätte. Zum anderen ist es nur leider nicht möglich, dies irgendwie zu pauschalisieren oder zu konkretisieren, da jede Transition genauso individuell ist, wie der Mensch dazu und somit im Endeffekt wieder neue Stolpersteine geschaffen werden würden. Jeder Mensch ist individuell und braucht unterschiedliche Unterstützung. Und so sollte, meiner Meinung nach, auch auf Transgender eingegangen werden. Die persönlichen Bedürfnisse stehen im Vordergrund! Dementsprechend sollte auch gehandelt werden und nicht nach einem Richtlinienkatalog, der nicht ansatzweise auf die Individualität der Psyche oder die, der körperlichen Identität ausgerichtet ist. Ich könnte jetzt hier noch einige Punkte aufzählen, was dann aber langsam den Rahmen sprengen würde.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Individualität und subjektive Identität sind die Eckpfeiler der persönlichen Entwicklung, hin zu einem erfüllten und glücklichen Menschen. Wenn ich merke, dass jemandem die Chance auf seine persönliche Entwicklung verwehrt wird, werde ich ungleichgültig.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller

Kontakt

Oskar
Mobil: 0170 2355891
E-Mail: bielefeld@transmann.de