Ole

Ole

Mein Name ist Ole und bin beschäftigt beim Fanprojekt Bielefeld e.V.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Es gibt recht unterschiedlich gelagerte Momente, in denen ich mich „ungleichgültig“ fühle, beziehungsweise mir etwas ungleichgültig erscheint. Dies dann zu artikulieren und entsprechend zu intervenieren, das ist an so viele Faktoren geknüpft, das ist gar nicht einfach zu beantworten. Wenn ich meinen „Refugees welcome“-Schlumpf trage, nehme ich damit sicherlich nach außen eine Haltung ein. Die Situation für Geflüchtete, nicht nur für diejenigen, die nach Europa kommen wollen, sondern überall auf der Welt, ist meistens katastrophal. Im Mittelmeer ertrinken jedes Jahr Tausende, auf dem Landweg verhungern viele oder werden ausgeraubt — auf solche Zustände kann man hierzulande zumindest hinweisen, in sehr allgemein gehaltener Form übrigens, das ist das Mindeste. In der Flüchtlingshilfe, womöglich an den Flüchtlingsrouten, Unterstützung für jene Menschen zu leisten, ist mir persönlich nicht möglich. Daher habe ich umso mehr Hochachtung vor all denen, die sich in diesem Feld engagieren, zumal teilweise sogar ehrenamtlich. Ungleichgültigkeit fängt für mich aber auch schon in kleinen Alltagssituationen an, zum Beispiel im Straßenverkehr. Ich bin in Bielefeld zumeist mit dem Rad unterwegs, und hier bekomme ich sehr oft rücksichtsloses Verhalten mit. Auf dem Rad kann man immerhin mit einem „ey“ in Kontakt treten, das klingt banal, drückt aber zugleich die niedrigste Form des Protestes aus. Ein gerade aktuelles Beispiel stellen die „Corona-Situationen“ dar. Leute, die den Abstand nicht einhalten, keine Maske, dort wo vorgeschrieben, tragen, spreche ich, wenn die Situation es ermöglicht, an. Und wenn ich irgendwo Nazi-Aufkleber sehe, knibbel ich die ab. Gelegentlich nutze ich die Form eines LeserInnenbriefes, aber ich würde mal selbstkritisch sagen, dies tue ich zu selten. Aber es gibt ja auch Positives, wo man eine entsprechende Rückmeldung geben kann; auch das Positive darf verstärkt werden, erst recht da, wo es seltener auftritt oder wo man es gar nicht vermutet oder erwartet. Eine andere Form der positiven Intervention stellt das Spenden dar. Dieses nutze ich auch hin und wieder, mal anlassbezogen, mal als regelmäßige Tat.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Alle Momente, in denen der Respekt vor den Mitmenschen offenbar flöten gegangen ist, womöglich verbunden mit einer Gefährdung von anderen, sind nicht hinnehmbar. Es geht aber auch um Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Eine Person die mir ihrem Auto mit 50 bis 60 Stundenkilometern durch eine enge 30er-Zone fährt, gefährdet andere und sich selbst. Die Wahrscheinlichkeit, für diesen Fahrstil belangt zu werden, geht gegen Null. Ich wohne selbst seit einigen Jahren in so einer Straße, und es wird zu oft „geheizt“, übrigens von den unterschiedlichsten Leuten, das ist bei weitem nicht nur der/die „sportlich ambitionierte FahrerIn“. Die Haltung des „Recht des/der Stärkeren“ ist oft eingeübt, zuweilen unreflektiert, beziehungsweise unbewusst — aber auch letzteres hat in einem Verkehrssystem, mit 4000 Verkehrstoten jährlich, nichts zu suchen. Und mit jeder Intervention ist ja die Hoffnung verbunden, bei dem/r anderen einen Reflexionsprozess und damit, im besten Fall, eine Verhaltensänderung zu initiieren. Aber sicherlich kann manchmal mit der Intervention gleichzeitig schlicht ein wenig Frustabbau betrieben werden!? Letztlich geht es in allen Momenten, in denen man Ungleichgültigkeit „zeigt“ darum, auf solche Missstände hinzuweisen und, im besten Fall, aufklären zu können. Es ist hier aber immer eine besondere Frage, wie man mit dem/der AdressatIn in Kommunikation treten kann.

Ole

„Ungleichgültigkeit fängt für mich aber auch schon in kleinen Alltagssituationen an, zum Beispiel im Straßenverkehr.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Die letzten Monate, die eindeutig von den Corona-Regelungen beeinflusst worden sind, haben schon zu einer Veränderung des Verhaltens untereinander geführt. In zwei Richtungen, es gibt mehr Solidarität und Hilfestellungen, aber offenbar auch eine höhere Reizbarkeit, die manchmal in aggressiverem Verhalten mündet. Davon nehme ich mich selbst übrigens nicht aus. Neben dem Corona-Fokus, der ja gerade ganz viele andere Probleme überlagert, aber andererseits bestimmte gesellschaftliche Probleme erst richtig offensichtlich macht, ist es auch wichtig, die Prinzipien der gesellschaftlichen Ordnung zu fokussieren. Und das gilt allgemein, nicht nur für Bielefeld. Wir leben in kapitalistisch organisierten Lebensformen, das heißt, jede Person muss gucken, dass sie über die Runden kommt. Etwas, was ich sehr positiv sehe, ist die Fridays for Future-Bewegung, die es auch in Bielefeld gibt. Wie nachhaltig dieser Protest weitergelebt wird, wird man vermutlich leider erst nach Ende der Corona-Krise sehen können, wenn solche Versammlungs- und damit auch Protestformen wieder uneingeschränkt möglich sind. Auch die Unterstützung für subkulturelle Einrichtungen und KünstlerInnen, oft ohne große Öffentlichkeit — quasi hinter den Kulissen organisiert — hat sowohl eine große Solidarität offengelegt als auch deutlich gemacht, wie sehr gerade „kleine“ Projekte davon abhängig sind, regelmäßig „on stage“ zu gehen. Die Einkommenssituation der KünstlerInnen ist ohnehin nicht selten prekär, Rücklagen können schon mal gar nicht gemacht werden, und ohne Auftritte beziehungsweise Auftrittsmöglichkeiten kommt es zu existentiellen Problemen. Hier gibt es über die sozialen Netzwerke, aber nicht nur über diese, ein deutliches Bemühen, den Betroffen Unterstützung zukommen zu lassen, in welcher Form auch immer. Etwas, was ganz klar eine Zäsur im Umgang mit Protestformen darstellte, und zwar in negativer Hinsicht, war die „Solidaritäts-Demo“ für Ursula Haverbeck 2018. Bei dieser konnten rund 400 Nazis den Geburtstag dieser verurteilten Holocaust- Leugnerin im öffentlichen Raum Bielefelds zelebrieren und es wurden Wasserwerfer dafür eingesetzt, diesen Nazis den Weg durch den breiten Protest der Bielefelder Bevölkerung zu bahnen. Dies war ein fatales, komplett falsches Signal, offenbar von der Polizeipräsidentin als gelungener Polizeieinsatz geadelt. Während junge Leute, die sich an den Polizeiabsperrungen vorbeimogelten, um den Protest sichtbarer und wirksamer zu machen, mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hatten. Dies halte ich, auch angesichts einer neuen Normalität bezüglich der Existenz solcher Parteien wie der AfD, für ein komplett falsches Signal. Insbesondere für die jüngere Generation, welche sich möglicherweise das erste Mal in so ein Demonstrationsszenario begeben hat. Zivilgesellschaftlich gesehen ist das eine Katastrophe.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Es ist für mich unmöglich, diese Frage genauer zu beantworten, denn ich kenne letztlich auch nur einen eher kleinen Ausschnitt Bielefelds. Das, was ich in meinem „Dunstkreis“ feststellen kann, ist, dass durch die Ereignisse der letzten Jahre, der/die ein oder andere wieder politischer geworden ist. Und, dass zumindest mehr thematisiert wird, was in dieser Gesellschaft und auf der Welt los ist. Aber ich stelle auch fest, dass es jene gibt, die sich ins „Private“ zurückziehen, weil sie die Komplexität der Problemzusammenhänge, sowohl im Alltag wie auch im „Weltgeschehen“ überfordert...

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Gerechter und rücksichtsvoller... und wegen des Klimas, mit einem umgebauten, deutlich ökologischeren Verkehrskonzept.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller

Kontakt

Ole Wolf
E-Mail: ow@fanprojekt-bielefeld.de