Norbert

Norbert

Ich bin 1953 in Berlin geboren, also bin ich 67 Jahre alt. Seit 2012 bin ich in Altersteilzeit und seit 2015 Rentner. Die letzten 25 Jahre meines Arbeitslebens war ich bei der Gewerkschaft ÖTV und ab 2002 als Gewerkschaftssekretär bei ver.di an verschiedenen Orten in Deutschland beschäftigt. Die letzten acht Jahre war ich als freigestellter Vorsitzender des Konzernbetriebsrats in Berlin tätig - prima Team, tolle Zeit, viel Arbeit aber die Arbeit hat mir richtig Spaß gemacht!

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Eigentlich schon, wenn ich morgens die Zeitung aufschlage und mich mit den Inhalten beschäftige. Egal ob Weltpolitik, Bundes- oder Kommunalpolitik, Wirtschaftsnachrichten und so weiter… Vieles ist mir nicht gleichgültig. Der alltägliche Rassismus, die Diskriminierung, Armut, Kriege und Hungersnöte. Kann man da gleichgültig sein?

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Weil es in all diesen Meldungen letztendlich immer um Menschen geht, die betroffen sind. Egal ob Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Epidemien, Firmenpleiten, Massenentlassungen und so weiter. Und weil ich daran interessiert bin, wie in unserer Stadt Politik gemacht wird, beziehungsweise mit den Interessen der BürgerInnen umgegangen wird.

Wo sind Sie gleichgültig?

Zum Beispiel, wenn es um Nachrichten und Ereignisse der „oberen Zehntausend“, sowie Stars und Sternchen geht. Oder um Sportarten, wie zum Beispiel Tennis, Fußball oder Formel 1, in denen es leider nur noch um Geld geht. Das ist eine Welt, die mir völlig egal ist.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Ich denke, dass es Veränderungen in zweierlei Richtung gegeben hat. Durch die Aufnahme von Geflüchteten gab und gibt es eine Welle der Hilfsbereitschaft. Andererseits gab es eine Ablehnung bezüglich der Aufnahme dieser Menschen in unserer Stadt. Außerdem ist, meiner Meinung nach, das politische Klima in unserer Stadt rauer geworden. Es geht nicht mehr um gemeinsames, möglicherweise durch politische Kompromisse geprägtes, Handeln zum Wohle der Stadt und ihrer EinwohnerInnen. Nein, hier wird kompromisslos die parteieigene ideologische Linie vertreten. Das ist nicht gut für diese Stadt.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Ich wohne in einem Stadtteil von Bielefeld, in dem es einen relativ hohen Anteil an ausländischen MitbürgerInnen gibt. In manchen Gesprächen, die ich mit Leuten führe, die nicht wissen, wo ich wohne, wird geäußert, dass man in diesem Stadtteil nicht wohnen möchte, da es dort zu viele AusländerInnen gäbe. Genau so wird argumentiert, wenn es um Unterkünfte für Geflüchtete geht, die in Wohngebieten eingerichtet worden sind. Aber diese Meinungen werden nicht offen ausgesprochen, also in der Regel nicht in der Öffentlichkeit. Das ist für mich eine versteckte Art der Diskriminierung. Ich möchte da nicht von Fremdenfeindlichkeit sprechen, die es aber sicherlich auch gibt — besonders derzeit befördert durch die AfD, aber auch durch konservative PolitikerInnen. Hinsichtlich der politischen Entscheidungen nehme ich wahr, dass der BürgerInnenwille gar keine, beziehungsweise eine untergeordnete Rolle spielt. Sofern es allerdings um Dinge geht, die eine große Resonanz in der Öffentlichkeit hervorrufen, oder vor den Kommunalwahlen, besteht auf einmal Interesse daran, sich mit den BürgerInnen auszutauschen. Die Einbeziehung beziehungsweise Beteiligung der BürgerInnen wird von vielen PolitikerInnen wohl eher als störend empfunden. Das hat aus meiner Sicht mit Basisdemokratie nichts zu tun.

Norbert

„Es sollte mehr Unterstützung der sozial Schwächeren, insbesondere mehr Teilhabe der Kinder geben.“

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Es sollte mehr BürgerInnenbeteiligung von Seiten der Politik und Verwaltung geben. Es sollte verstärkte Anstrengungen von Politik und Verwaltung in Sachen bezahlbares Wohnen in Bielefeld geben. Es sollte mehr Unterstützung der sozial Schwächeren, insbesondere mehr Teilhabe der Kinder geben. Außerdem braucht es mehr Projekte, die für das Zusammenwachsen und das Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen förderlich sind. Die Bielefelder PolitikerInnen sollten nicht nur auf die Wünsche der Menschen nach mehr Beteiligung der BürgerInnen eingehen, sondern von sich aus auf die Menschen zugehen, um deren Meinungen und Wünsche zu hören. In einem ungleichgültigen Bielefeld achtet man auf die NachbarInnen und Mitmenschen und hilft, beziehungsweise unterstützt da, wo erforderlich, unabhängig von der Herkunft oder der Religion der Menschen. Menschen unterschiedlicher Herkunft leben zusammen und unternehmen etwas zusammen in ihren Quartieren.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Wenn es um die Benachteiligung sozial schwächerer Menschen geht — zum Beispiel bei der Preisgestaltung des Bielefelder Sozialtickets für den ÖPNV. Bei der Nutzung beziehungsweise Verwendung von städtischem Eigentum, wenn es darum geht, eigene Gebäude und/oder Grundstücke der Stadt zu erhalten, beziehungsweise für die Bebauung von bezahlbarem Wohnraum zu nutzen. Wenn es um die Unterstützung von Menschen in der Nachbarschaft geht, die auf Hilfe und Zuwendung angewiesen sind.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller