Marie

Marie

Hallo, ich bin Marie, 17 Jahre und wohne in Bielefeld Mitte. Momentan bin ich noch Schülerin des Ceciliengymnasiums in Bielefeld, werde aber hoffentlich im nächsten Jahr mein Abitur machen. In meiner Freizeit ist Reiten mein größtes Hobby, ich habe zwei Reitbeteiligungen und reite circa vier Tage die Woche. Daneben gebe ich Nachhilfe und engagiere mich bei JuBiCo (Junge Bielefelder Couragieren), wobei der Schwerpunkt unserer Jugendgruppe auf der Zivilcourage liegt, die wir versuchen, mit verschieden Aktionen selbst zu zeigen und durch Workshops in Schulen oder anderen Veranstaltungen und mit Ständen in der Innenstadt den Menschen näher zu bringen und sie zu ermutigen, selbst Zivilcourage zu zeigen. Bis vor kurzem habe ich außerdem im Chor (VokalTotal) gesungen, was ich jetzt leider aufgrund von Zeitmangel aufhören musste.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

In meinem Alltag zeige ich mich besonders bei Diskussionen rund um das Thema Rassismus und Rechte Politik ungleichgültig, indem ich meinen Standpunkt deutlich mache und versuche, ihn mit guten Argumenten zu festigen. Während Corona habe ich für meine Oma und ältere Leute aus der Nachbarschaft eingekauft und ich helfe regelmäßig einem alten Ehepaar bei uns im Haus bei den unterschiedlichsten Dingen, die sie nicht mehr alleine hinbekommen. In der Schule habe ich mich außerdem bei EULE ehrenamtlich engagiert, einem Projekt bei dem SchülerInnen SeniorInnen in den unterschiedlichsten Dingen unterrichten, in meinem Fall in Englisch. Auch auf der Straße gehe ich nicht einfach weiter, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand Hilfe brauchen könnte, sondern gehe lieber einmal zu viel hin und frage, ob ich helfen kann, statt die Menschen ihrem eigenen Schicksal zu überlassen.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich finde es wichtig, dass man schon früh lernt, dass in unsere heutigen multikulturellen Gesellschaft kein Platz für Schubladendenken und Ausgrenzung ist, sondern dass jeder Mensch in erster Linie eines ist, nämlich Mensch. Darin sind wir alle gleich und daher haben wir alle dasselbe Recht auf Würde, Akzeptanz und Hilfe, wenn wir welche brauchen. Ich finde in einer sozialen Gesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben, sollte es selbstverständlich sein, sich gegenseitig zu helfen. Das fängt an bei der Nachbarschaftshilfe und hört auf beim Ehrenamtlichen Engagement. Außerdem handele ich grundsätzlich nach dem Motto „Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden willst.“ Ich hoffe, dass auch mir jemand helfen wird, sollte ich einmal Hilfe brauchen. Und natürlich macht es mir auch Spaß, anderen zu helfen und ich freue mich über die Wertschätzung der Menschen und ihre Dankbarkeit.

Marie

„Außerdem würde man seine Nachbarn wieder kennen, sich regelmäßig mit Ihnen unterhalten und zu Festen/Aktionen zusammenkommen.“

Wo sind Sie gleichgültig?

Gleichgültig zeige ich mich in Situationen, in denen mein Gegenüber mich beleidigt oder provoziert, denn ich finde, so etwas verdient keine Beachtung, da es dadurch, dass man sich damit beschäftigt, erst an Bedeutung gewinnt. Auch bei kleineren Streitigkeiten zwischen zwei anderen Personen finde ich es durchaus richtig, sich erstmal rauszuhalten und die beiden Personen diesen selbst klären zu lassen. Nicht alles geht eine/n persönlich auch etwas an und man sollte das auch respektieren und genau abwägen, ob es wirklich nötig ist, sich jetzt einzumischen.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Da ich erst 17 Jahre alt bin, kann ich diese Frage wahrscheinlich nicht besonders gut beantworten. Aber nachdem, was ich auf der Straße und in meinem Umfeld so mitbekommen habe, hat sich das gesellschaftliche Klima in Bielefeld eher ins negative verändert. Auf den Straßen ist es nicht mehr üblich sich zu grüßen, die meisten Menschen rennen blindlings mit Kopfhörern in den Ohren von A nach B und bekommen überhaupt nicht mit, was um sie herum geschieht und in der Stadt hat man auch kaum noch Kontakt zu den eigenen Nachbarn. Es gibt, meiner Meinung nach, auch mehr schwerwiegendere Nachbarschaftsstreitigkeiten als früher. Bei meinen Freunden ist es andersherum. Durch die Sozialen Medien hat man automatisch einen viel Engeren Kontakt und kann so Missverständnisse, die zu einem Streit führen könnten, frühzeitig ausräumen, sodass es gar nicht erst zu einem Streit kommt. Der Nachteil ist allerdings, dass alle sich dazu genötigt fühlen, perfekt zu sein und mit den anderen mithalten zu müssen.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Diese Veränderungen haben das Zusammenleben insofern beeinflusst, als dass aus dem Zusammenleben eher ein Nebeneinanderherleben geworden ist. Man weiß nicht mehr wirklich etwas über die Menschen von Nebenan oder aus der Stadt und man kennt auch weniger Menschen, da man weniger in gemeinschaftlichen Aktionen zusammenkommt. Die Menschen engagieren sich auch weniger, da sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, in ihrem eigenen kleinen Kosmos um sich selbst zu kreisen. Der Kontrast dazu sind die Menschen, die das erkennen und über Aktionen versuchen, die Menschen wieder zusammenzubringen und den Gemeinschaftsgeist der Bevölkerung wieder zu wecken und/oder zu stärken.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ein ungleichgültiges Bielefeld stelle ich mir so vor, dass die Menschen wieder mit offenen Augen durch die Straße laufen und den Menschen ihre Hilfe anbieten, wenn sie sehen, dass diese Menschen Hilfe gebrauchen könnten. Außerdem würde man seine Nachbarn wieder kennen, sich regelmäßig mit Ihnen unterhalten und zu Festen/Aktionen zusammenkommen. Auch würden sich alle Einwohner zusammen um ein soziales und freundliches Bielefeld kümmern, indem sie sich ehrenamtlich engagieren und nicht wegschauen, wenn ein Unrecht geschieht sondern sich für die Schwachen einsetzen und das Unrecht öffentlich anprangern. Alle würden an einem Strick ziehen, alle würden sich umeinander kümmern und Probleme würden gerecht zusammen gelöst werden.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

In Bielefeld bin ich bei JuBiCo, also Zivilcourage, ungleichgültig, jeder sollte jedem der Hilfe braucht aktiv helfen, statt wegzusehen.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller