Maria Theresia

Maria Theresia

Ich nenne mich mal Maria Theresia, bin aus den späten 68ern, habe Flower-Power leider nur in den Ausklängen erlebt, dafür intensiv die Öko-, Anti-AKW-, Friedens- und Frauenbewegung.

Ich arbeite sehr gerne, bin gerne mit Menschen zusammen. Bewegung ist gut, Freude am Leben und an gutem Essen ebenso. Ehrenamtlich bin ich seit 30 Jahren mit einem Stadtteil-Zentrum verbunden, in dem sich viele verschiedene Gruppen treffen.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

  • Wenn über unbekannte Menschen, Situationen, Kulturen, Religionen und so weiter pauschal abwertend be- und geurteilt wird.
  • Wenn Berichte über osteuropäische Banden viel Nachrichtenraum einnehmen, aber niemand bemerkt, welche Menschen unsere Straßen und Häuser bauen, oder unser Essen von den Feldern ernten.
  • Wenn wir das schlecht gesprochene Deutsch in vielen Arbeitsbereichen beklagen, aber ausklammern, WARUM diese Arbeit nicht von gutsprechenden Deutschen ausgeübt wird.
  • Wenn für Wirtschaftswachstum die Ausbeutung von Menschen, der Natur und der Rohstoffe dieser Erde zur Normalität wird/bleibt.
  • Wenn Konsum materieller Güter das oberste Lebensprinzip wird, ohne an die Neben-/Nachwirkungen zu denken.
  • Wenn wir die Grenzen für Menschen in Not schließen.
  • Wenn Kinder für Macht-Arroganz und Ego-Spiele von Erwachsenen missbraucht werden; psychisch und physisch.
  • Wenn anonyme Hass-Mails zur Normalität werden und als freie Meinung gewertet werden.
  • Bei Gewalt- und Machtausübung zwischen ungleichen Gegnern.
  • (Wenn wir die Grenzen für Menschen in Not schließen.)

Maria-Theresia

„Ich empfinde das Leben mit Menschen anderer Länder als normaler und bereichernder, finde es beruhigend, auf Demos zunehmend junge Menschen anzutreffen.“

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

  • Neben Zuschreibungen wie ungerecht, korrupt, ausbeuterisch, rassistisch, oder Ähnliches, macht es die Welt lust-, freud- und lieblos, verhindert die Leichtigkeit des Seins, die Lebensfreude, das Glück zu Leben. Es widerspricht meiner Vorstellung von menschlicher Intelligenz und Weiterentwicklung. Es ist in so vielen Bereichen unmenschlich.
  • MACHT MICH WÜTEND

Wo sind Sie gleichgültig?

  • Bei persönlichem materiellem Reichtum.
  • Wenn sich gleich-starke Gegner „verprügeln“, auf welche Art auch immer, und niemand anderes in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

  • Mein Leben verläuft nicht mehr so sehr in großen, aktiv politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es bleibt da also eher bei Momentaufnahmen.
  • Da sehe ich dann größere Extreme.
  • Einerseits mehr junge Menschen, die nicht dem Klischee von unpolitisch, konsum- und Event-gesteuert entsprechen. Ich sehe eine neue intelligente Ernsthaftigkeit, weniger festgefahrene Ideologien, mehr Offenheit mit Panoramablick, mehr Kreativität und auch Freude. Sehe Fridays for Future, Greenpeace. Ich empfinde die vielen Kulturangebote draußen als Bereicherung.
  • Andererseits sehe ich auch viel Frust und Zerstörung. Ich höre häufiger offene Hetze und Aversionen gegen Menschen anderer Kulturen, Nationen, Religionen. Selbst wenn sie hier geboren und aufgewachsen sind.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

  • Mit gefällt, dass — zumindest im Sommer — mehr Leben draußen stattfindet. Ich empfinde das Leben mit Menschen anderer Länder als normaler und bereichernder, finde es beruhigend, auf Demos zunehmend junge Menschen anzutreffen.
  • Die Stadt ist für mich LEBENDIGER geworden im Laufe der Jahre.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

  • Es ist wohl meinem Alter geschuldet, dass ich meiner Ungleichgültigkeit eher mit meinen eigenen Möglichkeiten in meinem Familien-, Arbeitsleben und Umfeld zu wirken und Veränderungen zu erzielen suche.
  • Ich glaube allerdings, dass es mehr nicht-kommerzielle Kontaktmöglichkeiten geben müsste. Mehr Austausch zwischen Menschen dieses vorgeblich BUNTEN Bielefelds.
  • In den ersten Corona-Monaten habe ich eine neue „Ruhe und Langsamkeit“ in der Stadt schätzen gelernt. Dafür jedoch auch die direkten Kontakte mit Menschen vermisst. Das Leben draußen und in den Parks ist schön, wären danach nur die Müllberge nicht so groß.

Epilog

  • Das Projekt „UNGLEICHGÜLTIG“ wird in meinem Denken, meiner Sichtweise, im Alltag noch länger nicht beendet sein. Es öffnet für mich eine Bewusstheit für meine Umwelt und mein Verhalten darin.
  • Danke für diese Fragen. Ich konnte längst nicht alles ausdrücken, was mir UNGLEICHGÜLTIG ist. Aber ich ertappe mich da auch bei meinen Be- und Verurteilungen.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller