Keith

Keith

Keith in Sambia geboren, studierte Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Sankt Augustin und an der Universität Bonn. Seit 2014 ist er im Welthaus Bielefeld als Bildungsreferent für Globales Lernen und Regionalpromotor für entwicklungspolitische Bildungsarbeit des Landes Nordrhein-Westfalen für Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe tätig. Er ist Trainer für die Einstiegsseminare Globales Lernen für Engagement Global (BtE) und leitet Workshops und Trainings zu Rassismus und Empowerment.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Als Bildungsreferent habe ich mit vielen Menschen in unterschiedlichen Kontexten zu tun. Mit meinen entwicklungspolitischen Themen bin ich in verschiedenen Institutionen unterwegs — von Kindergärten bis hin zu Universitäten. Bei allen diesen Gruppen merke ich, dass jede Person einen eigenen Zugang beziehungsweise Bezug zu gewissen Themen hat. Nehmen wir das Thema Rassismus als Beispiel. Menschen, die davon nicht betroffen sind, können sich entscheiden, ob sie mehr über die Dynamiken von Rassismus lernen möchten oder nicht. Die von Rassismus betroffenen Personen vermögen sogar unter Umständen selbst nicht erklären zu können, welches theoretische Wissen hinter rassistischen Taten steckt. Ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus hingegen sind für sie keine Theorie. Es ist eine tägliche Realität. Menschen, für die diese Erfahrungen keine tägliche Belastung bedeuten, neigen dazu, Rassismus und seine Folgen zu negieren und zu relativieren. Das passiert auf unterschiedliche Art und Weise. Es sind diese Momente, in denen ich nicht gleichgültig bleiben kann. Hier verwende ich meine Expertise, um Menschen zu anderen Gedanken zu verhelfen und ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das ist ermüdend. Es ist bequemer, gleichgültig zu sein. Aber der Preis dafür ist zu hoch.

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„Der Unterschied zu einem gleichgültigen Bielefeld könnte darin bestehen, dass Menschen, die benachteiligt werden, nicht das Gefühl haben, allein gelassen zu sein.“

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Unsere Gesellschaft braucht Solidarität. Viele Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, denken, dass Rassismus etwas ist, das gewollt passiert. Dass nur rassistische Menschen tatsächlich auch Rassismus reproduzieren können. Aus dem Grund wollen sie sich ungern in Diskussionen verwickeln, in denen es darum gehen könnte, zu schauen, ob sie rassistisch sein können. Wenn unserer Gesellschaft, angefangen in der Kita, beigebracht wurde, Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen mit rassistischen Stereotypen zu verbinden, kann sich kaum eine Person von diesen Mechanismen frei sprechen. Sogar einige Menschen, die von Rassismus betroffen sind, verinnerlichen die Ideologie, dass sie minderwertig seien. Das sind meist unbewusste Vorgänge, die nur gewollt gesehen werden können. Sie prägen aber unsere Wahrnehmung. Wenn sich aber jemand von rassistischem Gedankengut und eigenen Privilegien freisprechen will, dann hat es zur Folge, dass Menschen, die von Rassismus betroffen sind, die notwendige Solidarität verlieren. Denn auch NICHT über Rassismus sprechen zu wollen, weil man davon nicht betroffen ist, ist eine indirekte Befürwortung des Rassismus. Und das ist das größte Problem wenn es um Rassismus in unserer Gesellschaft geht: Menschen schweigen gerne. Sie stellen sich tot — solange dieses Problem sie selbst nicht negativ betrifft. Im Angesicht des Schweigens unserer FreundInnen und MitbürgerInnen kann ich es mir nicht leisten, gleichgültig zu sein.

Wo sind Sie gleichgültig?

Solange ich noch nicht weiß, was eine Meinung oder Tat mit mir zu tun hat, kann ich mich nicht entscheiden, gleichgültig zu sein. Besonders in einer globalisierten Welt sollten wir Gleichgültigkeit mit viel Skepsis begegnen.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Es gab in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs an Menschen, die sich bei kritischen gesellschaftlichen Themen klar positionieren. Das haben die öffentlichen Demos und Kundgebungen der letzten Jahre gezeigt. Das nehme ich auch im Rahmen meiner Arbeit wahr. Es würde mich interessieren, ob die Statistiken diesen Eindruck ebenso widerspiegeln.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Erst durch diese Frage merke ich, welche gemischten Gedanken und Gefühle ich angesichts der aktuellen Lage habe. Auf jeden Fall erleben wir wie die Corona-Zeit die Ungleichheit unserer Gesellschaft offenbart hat. Ob das von einem guten Zusammenleben zeugt?

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ein ungleichgültiges Bielefeld hätte weiterhin Menschen, die unterschiedlich benachteiligt werden. Der Unterschied zu einem gleichgültigen Bielefeld könnte darin bestehen, dass Menschen, die benachteiligt werden, nicht das Gefühl haben, allein gelassen zu sein. Dass sie nicht darum kämpfen müssen, erst Solidarität zu erfahren nachdem sie bewiesen haben, dass sie benachteiligt werden.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Bei Menschen, die sich mit Ungerechtigkeit nicht befassen wollen und sich folglich nicht mit Betroffenen solidarisieren, weil sie sich mit ihnen nicht identifizieren wollen, kann ich nicht ungleichgültig bleiben.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller