Jo-Ann

Jo-Ann

Ich heiße Jo-Ann, studiere Soziale Arbeit und bin Teil des feministischen Kollektivs "Naturtrüb". In meiner Freizeit organisiere ich unter anderem gerne kulturelle und politische Veranstaltungen.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Ich finde die Formulierung recht schwierig, da man selten wirklich ungleichgültig ist. Es ist meistens eine Tendenz zu verschiedenen Situationen oder Aussagen da — und in dem man sich nicht verhält, verhält man sich ja auch dazu. Bei mir lösen bestimmte Dinge, wie Ungerechtigkeiten oder auch schöne Dinge, viel Emotionalität aus. Und diese Emotionalität bringt einen ja dazu, mehr Leidenschaft für bestimmte Dinge zu entwickeln und dadurch Motivation, um zu handeln oder etwas zu verändern. Ich finde es sehr wichtig, für Gerechtigkeit einzustehen und zum Beispiel an Demonstrationen teilzunehmen und in Alltagsgesprächen hinter der eigenen Meinung zu stehen, sich selbst aber immer wieder zu hinterfragen. Ich finde es wichtig, dass wir Sachen, die uns im Leben fehlen, aber von denen wir wissen, dass sie uns glücklich machen, versuchen mit in unser Leben einzubringen und auch, wenn es nicht einfach ist, immer weiterzumachen. Ich bin ungleichgültig, wenn ich bestimmte Ideen oder Überzeugungen habe. Dann vertraue ich dieser neuen Idee und gebe da ganz viel Energie rein. Oder ich versuche meinen Überzeugungen nach zu handeln. Eine Situation, an die mich eine Freundin erinnert hat, ist vor ein paar Monaten passiert, als wir mit ein paar anderen Freundinnen am Jahnplatz hergegangen sind und ein Mann den Hitler Gruß gemacht und „Heil Hitler“ gerufen hat. Ich habe direkt die Polizei angerufen, damit er dafür angezeigt wird und damit nicht so einfach durchkommt. Der Weg von der Polizeistation war scheinbar recht lang und wir sind dem Typen bis zum Kesselbrink gefolgt. Nach dem dritten Anruf kam dann endlich ein Wagen, aber der Mann war natürlich schon weg. Eine andere Situation, aus der sich Ungleichgültikeit entwickelt hat, war im subkulturellen Kontext. Ein paar FreundInnen und ich waren auf einem Theaterfestival und haben dort zwei Drag Performance Gruppen gesehen. Wir waren so begeistert und eingenommen von der Show und der Ausstrahlung, dass wir dachten, dass Bielefeld das auch erleben muss. Und da ich im Nr.z.P. aktiv bin, habe ich diese Idee einer Drag Performance eingebracht und zusammen haben wir dann ein Konzept entwickelt. Es kamen auch schnell externe Menschen dazu, die ganz viel Lust und Energie hatten, diese Party inklusive Performance mit zu veranstalten.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

In bestimmten Situationen sind es oft nur emotional ausgelöste Impulshandlungen und der Gerechtigkeitssinn. Für Projekte oder Ideen, die langfristiger sind oder weiter in der Zukunft liegen, ist es eher, dass ich so sehr selbst an die Idee glaube, dass ich viel Energie investiere um die Idee Realität werden zu lassen. Mir macht es Spaß, Menschen zusammen zu bringen. Mich macht es glücklich, wenn ich mit Leuten die Freude bei den gleichen Dingen teilen kann. Ich denke dann, dass diese Sachen eine Bereicherung für uns alle sein könnten und, dass bestimmt viele andere sich auch freuen würden, manche nur nicht wissen, dass sie das vermissen, was sie noch nicht kennen.

Wo sind Sie gleichgültig?

Es gibt natürlich auch Dinge und Bewegungen, die ich gut und richtig finde und auch unterstütze, aber denen könnte ich nicht meine volle Energie und Leidenschaft geben, weil ich ja schon recht viel woanders investiere. Dann gibt es Momente und Situationen, in denen ich es schwierig fände, meine Haltung als gleichgültig zu benennen. Es ist eher so, dass ich in manchen Momenten nicht genug Kraft oder Stärke habe, um mich nach außen hin ungleichgültig zu zeigen. Auf den Veranstaltungskontext bezogen gibt es Themen oder Musikrichtungen, die mich mehr oder weniger berühren. Bei Dingen, die wenig in mir auslösen, helfe ich auch gerne, aber mehr aus der Intention heraus, weil ich andere gerne in ihrer Leidenschaft und dem, was sie glücklich macht, unterstütze.

JoAnn

„Mir macht es Spaß, Menschen zusammen zu bringen.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Ich komme ursprünglich nicht aus Bielefeld, deswegen kann ich nur für die Zeit sprechen, in der ich in Bielefeld wohne und was ich seit dem mitbekommen habe. Aber ich bewundere an dieser Stadt und den Menschen, dass viele sehr aktiv Veränderungen initiieren. Als eine andere subkulturelle Einrichtung (aus diversen schlechten Gründen) ihren Veranstaltungsort verloren hat, hat sich eine Gruppe von Leuten entschlossen die „Initiative Bielefelder Subkultur“ zu gründen. Dadurch ist das Nr.z.P. entstanden, in dem jetzt viele kulturelle Veranstaltungen und verschiedene Partys stattfinden. Dann gibt es neben mehreren freien Theatergruppen und Theatereinrichtungen das Alarmtheater, das auch eine Bühne für junge Menschen bietet, die noch nichts mit Theatern zu tun hatten und bei denen die Herkunft keine Rolle spielt. Ebenso wie zum Beispiel die Murga Gruppe „Los Cometas Felices“, die es seit über zehn Jahren gibt und die einen offenen Raum für Menschen aus verschiedenen Kontexten bieten. Die Freude an Tanz und Musik wird weitergegeben und man kann Teil dieser Gruppe sein, egal, wie viel Erfahrung jede Person mitbringt. Dann ist das Kulturhaus entstanden, für das von einer Gruppe von Menschen seit 2015 gekämpft wurde und in dem Gebäude seit 2019 über 100 Menschen Zugang zu 40 Ateliers haben und dort ihrer Kunst, Musik, Tanz oder anderen Leidenschaften nachgehen können. 2019 wurde das Magazin Naturtrüb von einer Gruppe von Frauen gegründet, die Illustratorinnen und Texterinnen* eine Bühne geben. Menschen initiieren etwas, Menschen haben Ideen und setzen sie auch um. Meinem Gefühl nach, gehen auch mehr Menschen demonstrieren. Die Gegenbewegungen zu den letzten zwei Nazidemos im November 2018 und 2019 waren voll mit Menschenmassen. Bei den letzten zwei Nazidemos haben wir im Nr.z.P. die „Intermúsica“ Partys veranstaltet, auf der wir nochmal frei und unbefangen gezeigt haben, dass wir das nicht akzeptieren, was die Nazis fordern und wollen. Es gibt insgesamt und gefühlt seitdem mehr politisches Interesse und mehr Bereitschaft, nicht nur konform zu sein. Menschen realisieren, dass sie aktiv werden müssen, um etwas zu verändern. Auch war es sehr schön zu sehen, wie viele Menschen an den Black Lives Matter Demos teilgenommen haben und gezeigt haben, dass sie für sich oder andere einstehen. Und in dem Kulturbereich passiert weiterhin mehr und mehr. Menschen haben Lust, was zu machen und wenn es das, was sie sich vorstellen, noch nicht gibt, sind sie bereit, Zeit und Energie zu investieren, um gewisse Dinge möglich zu machen.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen sich und andere immer mehr vernetzen. Die Leute sind motiviert und der Prozess ist dynamisch und es passiert die ganze Zeit was. Es stagniert nicht. Es gibt mehr Raum für Menschen, die sonst keinen Zugang dazu hatten, sowie mehr Möglichkeiten sich aktiv zu beteiligen. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass auch gerade die Bielefelder Kulturszene noch exkludierend ist, weil nicht für alle der Weg gleich einfach ist, dort reinzukommen. Wenn man einmal in dem Kreis ist, bekommt man mehr von allem mit. Wenn man allerdings neu in Bielefeld ist und vielleicht auch Deutsch nicht so gut spricht, oder sich in anderen Freundeskreisen aufhält, dann ist es schwierig, den Zugang zu gewissen Orten oder Veranstaltungen zu bekommen, weil man ja gar nicht weiß, dass es sie gibt oder wie man sie finden kann.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Für mich wäre ein ungleichgültigeres Bielefeld ein Bielefeld, in dem die Polizei zum Beispiel nicht regelmäßig den Kesselbrink kontrolliert und sich noch mehr Menschen (außer Betroffene und ein paar Solidarische) dagegen empören. Für mich wäre ein ungleichgültigeres Bielefeld ein Bielefeld, in dem noch mehr musikalische und künstlerische Vielfalt gelebt wird. Ein Bielefeld, wo bestimmte Gruppierungen nicht nur als Einheit existieren, sondern auch aufgelöst werden können. Ein Bielefeld, das barrierefrei ist und ein Bielefeld, in den Menschen aus verschiedenen Nationalitäten zusammen kommen. Ein Bielefeld, in dem man nicht als VerbrecherIn identifiziert wird, nur weil man eine dunklere Haut hat. Ein Bielefeld, in dem man sich als Frau* nicht für kurze Haare rechtfertigen muss, oder einem eine bestimmte Sexualität zugeschrieben wird. Ein Bielefeld, in dem Kunst und Kultur noch mehr für verschiedene Leute aus verschiedenen Altersgruppen, verschiedener Herkunft und sozialen Ständen zugänglich gemacht wird. Ein Bielefeld, in dem man nicht komisch angeguckt wird, wenn man mit Schlabbersachen ins Theater geht. Ich würde mir wünschen — auch von mir selber — dass wir in Bielefeld noch mehr versuchen, Leute aus verschiedenen Kontexten zusammen zu bringen und uns für Dinge einsetzen, die uns selbst vielleicht nicht direkt betreffen.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Wenn es um die Entwicklung oder Ausführung von Projekten und Veranstaltungen geht. Es gibt ganz viel, was es in Bielefeld noch nicht gibt, aber bei vielen dieser Dinge ist es trotzdem möglich, sie ins Leben zu rufen. „Krakeln“, beispielsweise, sollte eine Veranstaltung sein in der viele Menschen zusammen kommen und spontan oder geplant kreativ sein können. Die „Intermúsica“ und „Extravaganza“ sollen Partys sein auf denen Musik gespielt wird, die sonst nicht in Bielefelder Clubs zu hören ist. Es soll ein Raum erschaffen werden, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kontexten frei fühlen können. Ein Raum, in dem binäre und heteronormative Strukturen und Wahrnehmungen durchbrochen werden. Natürlich ist das nicht direkt und immer möglich, aber dieser Anspruch wird ständig verfolgt und der Umgang und die Umsetzung hinterfragt. Ansonsten versuche ich oft, Menschen zusammen oder an Orte zu bringen, bei denen ich denke, dass diese Verbindung sie auf unterschiedlichen Ebenen weiterbringt. Was ich als besonders schön in Bielefeld erlebt habe, ist, wie viele Leute Lust dazu haben, etwas in Bewegung zu bringen und, dass neue Projekte gemeinsam angegangen und durchgeführt werden.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller