Feride

Feride

Mein Name ist Feride, 30 Jahre alt und verheiratet. Ich bin Mutter einer kleinen Tochter, die am 8. März 2020, passend zum Frauenkampftag, geboren ist. Als Jugendbildungsreferentin bin ich für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in der Region Ostwestfalen-Lippe tätig. In meiner Freizeit bin ich als Kommunalpolitikerin unterwegs.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

In meinem Beruf als Gewerkschaftssekretärin, aber auch in meiner Freizeit in der Kommunalpolitik, bin ich permanent mit Menschen und der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse beschäftigt. Es war mir schon immer wichtig, mein unmittelbares Umfeld zu gestalten, positiv zu verändern und Menschen zu unterstützen. Ich bin davon überzeugt, dass Veränderungen im Kleinen anfangen. Wer die große Welt „retten“ will, muss erst einmal die Sorgen und Nöte im eigenen kleinen Umfeld sehen. Dort beginnt die Ungleichgültigkeit, wenn die Menschen und das friedliche Miteinander ein ernsthaftes Anliegen sind. So habe ich mich beispielsweise auch während meines Studiums im kleinen Kosmos der Universität mit den Problemen der Studierenden auseinandergesetzt, unter anderem als AStA-Vorsitzende.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich bin die Tochter eines Eisengießers und einer Reinigungskraft. Ich bin eine Frau. Ich habe einen sogenannten Migrationshintergrund und dunkle Haut und Haare. Ich bin eine Muslimin. Das sind Faktoren, die in dieser Gesellschaft den Umgang mit dem eigenen Dasein und die Voraussetzungen im Leben maßgeblich bestimmen. Als eine Person, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammt, habe ich dementsprechend meine Erfahrungen mit Rassismus, Diskriminierungen und Benachteiligungen gemacht. Die SozialwissenschaftlerInnen würden hier von Intersektionalität sprechen, also von Mehrfachdiskriminierung. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen rühren die Sensibilität und mein besonderes Interesse für die sozio-ökonomischen Verhältnisse von Menschen und mein Streben nach Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft her. Seit meiner Schwangerschaft haben sich die Attentate in Halle (Saale) und Hanau ereignet. Nun bin ich motivierter, den Kampf gegen Rassismus und Faschismus und für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, insbesondere für meine Tochter, zu führen.

Feride

„Wer die große Welt „retten“ will, muss erst einmal die Sorgen und Nöte im eigenen kleinen Umfeld sehen.“

Wo sind Sie gleichgültig?

Tatsächlich bin ich auch gegenüber vielen Dingen und Menschen gleichgültig — mehr als man denkt. Einige Beispiele sind: Männer, die sich vom Feminismus und Quoten bedroht fühlen, Fußball, destruktive Menschen, die Musik von heute, oberflächliche Menschen, Äpfel und Birnen, Bigotterie, und so weiter.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Die Gesellschaft in Deutschland hat sich politisch und in der Lebensweise stark polarisiert. Davon ist Bielefeld auch nicht verschont geblieben. Die Flüchtlingsdebatte, der Alltagsrassismus und die verschwenderische und kapitalistische Lebensweise, die nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert hat, sondern auch die Umwelt, also unsere Erde zerstört hat, sind auch hier wichtige Themen. Die Ostwestfalen sind nicht gerade für ihre Geselligkeit und Warmherzigkeit bekannt, aber wir sind in Bielefeld von Anfang an bereit gewesen, Geflüchtete aufzunehmen und diese Verantwortung nicht abzugeben. 2019 sind in Bielefeld circa 14.000 Menschen gegen Nazis auf die Straße gegangen. Fridays for Future hat auch in Bielefeld freitags laut demonstriert. Die Kräfteverhältnisse prallen also auch hier hart aufeinander. Viele sind in Sorge, aber mir macht es Hoffnung, wenn ich sehe, dass inzwischen mehr Menschen, vor allem jüngere, sich mit politischen Themen auseinandersetzen und auf der Straße für etwas einstehen.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Es gibt natürlich Themen wie das Klima, bei denen man in Konflikt kommt. Wenn PolitikerInnen es nicht schaffen, Klimafreundlichkeit sozial verträglich zu gestalten, dann entstehen Probleme in der Gesellschaft. Auch entstehen Probleme, wenn man umweltfreundlich sein will, aber gleichzeitig den gewohnten Lebensstil nicht ändern möchte. Die Verkehrspolitik ist ein Beispiel dafür, wo es in Bielefeld leider große Auseinandersetzungen gibt. Die Zahl der zugelassenen Autos hat sich in Bielefeld zuletzt erhöht, obwohl es einen sehr offenen Diskurs darüber gibt, dass Verbrennungsmotoren überwunden werden müssen. Auf der anderen Seite freut es mich zu sehen, dass in Bielefeld die Problematik um Alltagsrassismus im kollektiven Bewusstsein der Menschen angekommen ist. Es macht für viele Menschen mit Migrationshintergrund Mut, wenn viele Menschen gegen Nazis auf die Straße gehen und laut protestieren. Jetzt muss sich auch etwas im individuellen Bewusstsein ändern, damit Alltagsrassismus für viele Menschen hier kein großes Thema mehr ist.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ich wünsche mir ein Bielefeld, in dem Menschen ihr eigenes Denken und Verhalten reflektieren und andere Menschen, so wie sie sind, akzeptieren und respektvoll behandeln. Wir müssen vorurteilsfreier aufeinander zugehen. In unseren Vorstellungen, wie ein gutes Leben in Bielefeld auszusehen hat, sollten wir uns zuhören und gemeinsam einen guten Kompromiss finden, der sozial- und umweltverträglich ist.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Ungleichgültigkeit bedeutet für mich, die sozio-ökonomischen Verhältnisse der Menschen in unserer Gesellschaft zu sehen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller