Faraj

Faraj

Mein Name ist Faraj und ich bin ungleichgültig. Ich arbeite als Soziologe und Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld. Dort lege ich diese Ungleichgültigkeit tagtäglich den Studierenden nahe. Unter den Stichpunkten Diversität, Inklusion und Partizipation biete ich verschiedenste Projekte innerhalb und außerhalb der Universität an, die ich mit Leidenschaft praktiziere.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Im Alltag bin ich insbesondere dann ungleichgültig, wenn ich Unsichtbarkeit bemerke oder auch selbst erlebe. Unsichtbarkeit bedeutet für mich, wenn Personen ohne Privilegien in der Öffentlichkeit ignoriert werden. Auch Ungerechtigkeit ist eine Tat, bei der ich nicht gleichgültig bleiben kann. Ich bin besonders dann ungleichgültig, wenn Menschen aufgrund einer Behinderung und/oder eines Migrationshintergrundes in ihrer Partizipation benachteiligt werden.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Laut Artikel 1 des Grundgesetzes ist die Würde des Menschen unantastbar und diesbezüglich möchte ich öffentlich und effektiv handeln, wenn eben diese Würde bestimmter Personengruppen in unserer Gesellschaft, in ihrer Existenz in Frage gestellt wird.

Faraj

„Im Alltag bin ich insbesondere dann ungleichgültig, wenn ich Unsichtbarkeit bemerke oder auch selbst erlebe.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Bielefeld, berechtigterweise auch gerne „Liebefeld“ genannt, ist bunt. Tolle Menschen haben zahlreiche Projekte und Veranstaltungen initiiert. Wenn ich beispielsweise die PreisträgerInnen des Bielefeld-Preises oder des Heimat-Preises betrachte, bin ich stark beeindruckt, wie viel Engagement und Kreativität Bielefeld und seine BewohnerInnen an den Tag legen. Auch der von mir regionale, regelmäßig verliehene Wander-Partizipationspreis führt mir jedes Mal erneut vor Augen, wie stark Menschen sich für eine inklusive Gesellschaft einsetzen und engagieren. Ich als Bielefelder möchte mich allen anderen anschließen. Hier ist kein Raum für Diskriminierung, Benachteiligung, Menschenfeindlichkeit und Rechtspopulismus.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Meiner Meinung nach sind die BielefelderInnen näher zusammengerückt. Gemeinsame Veranstaltungen haben uns stark gegenüber Gleichgültigkeit gemacht. Um nur einige zu nennen: Bielefeld ist bunt und weltoffen, der Karneval der Kulturen, Fridays for Future, Christopher Street Day, ...

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ein ungleichgültiges Bielefeld ist ein Bielefeld ohne Barrieren — weder Barrieren in den Köpfen, noch bauliche Barrieren. Partizipative Diversität ist hier mein Stichwort. Ein ungleichgültiges Bielefeld ist ein inklusives Bielefeld — Inklusion, aus dem Lateinischen „includere“, bedeutet „einlassen“ und „einschließen“. Wir BielefelderInnen lassen uns in einem ungleichgültigen Bielefeld auf jeden Menschen ein, bauen soziale Ausgrenzung bewusst ab und fördern die Teilhabe aller Menschen. In Zukunft sollte die Sichtbarkeit der zurzeit noch Benachteiligten mehr berücksichtigt werden.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Besonders bin ich in Bielefeld ungleichgültig, wenn die Politik über die Köpfe der BielefelderInnen hinweg entscheidet, ohne die Menschen mit in den öffentlichen Diskurs einzubeziehen.

Ungleichgültigkeit sollte nicht als moralpolitische Parole in der Öffentlichkeit angekündigt werden, sondern eine wichtige Überzeugung des eigenen ethischen Handelns und durch aktives praktizieren im Alltag zum Ausdruck kommen.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller