Denis

Denis

Hallo, mein Name ist Denis und ich bin 36 Jahre alt. Seit vielen Jahren bin ich aktiv in der Graffitikultur und im Bereich Wandmalerei. Meine Leidenschaft ist es, andere Städte und Länder zu bereisen und zusammen mit lokalen SprüherInnen kleine und große Wände zu gestalten. Auch in Bielefeld und Umgebung suche ich immer wieder nach neuen Flächen für schöne Projekte, um die Stadt ein wenig bunter zu gestalten. Während meines Studiums habe ich mich unter dem Namen „EinsyckARTig“ selbstständig gemacht und lebe seit 2010 von der Wandmalerei. In den letzten Jahren hatte ich das große Glück, viele Fassaden gestalten und Graffiti-Workshops geben zu dürfen.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Für mich zeigt sich Ungleichgültigkeit nicht nur in bestimmten Momenten im Alltag, sondern für mich ist dies eine Art Grundhaltung im Leben. Daher versuche ich auch, diesen Wert an andere Menschen zu vermitteln. Dies mache ich zum Beispiel in meinen Workshops. Auf das Leid anderer aufmerksam zu machen, ist meiner Meinung nach der erste Schritt, Gleichgültigkeit entgegenzuwirken. Auch Mund aufmachen und Handeln bei Ungerechtigkeiten sind für mich selbstverständlich. Ich kann Diskussionen nur schwer aus dem Weg gehen, wenn ich das Gefühl habe, es wird ungerecht geurteilt. Außerdem ist für mich persönlich und bei meiner Arbeit das Thema Raumaneignung sehr wichtig. Raumaneignung im Sinne, dass öffentliche Orte und Plätze von BürgerInnen als Lebenswerte Orte erobert und genutzt werden und nicht großen grauen Firmen und ihren Werbeplakaten und Glaskastenbüros überlassen werden. Dies fängt für mich unter anderem mit kleinen bunten Bildern an. Ungleichgültigkeit bedeutet für mich hier, dass mir die Stadt und Ihre Wirkung auf den Menschen nicht egal ist.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich interessiere mich für andere Menschen und Lebewesen und gehe aufmerksam durch den Tag. Andere Menschen oder Tiere leiden zu sehen, ist mir nie gleichgültig. Im Alltag bekomme ich immer wieder sexistische oder rassistische Situationen mit und mich da dann nicht einzumischen, ist für mich undenkbar. Bei solchen Ungerechtigkeiten kann ich nicht gleichgültig bleiben. So etwas lässt mich dann auch mal emotional handeln.

Wo sind Sie gleichgültig?

Viele meiner Arbeiten/Bilder befinden sich im öffentlichen Raum und natürlich gibt es immer wieder Menschen, denen meine Arbeit nicht gefällt. Sei es, weil Sie graue oder weiße Hauswände schöner finden oder weil ihnen die Message nicht passt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an der Oelmühlenstraße in Bielefeld eine größere Wand bemalt mit dem Thema „leave no one behind“. Einer älteren Dame hat diese Message nicht gefallen und dies war mir ziemlich gleichgültig, da ich es wichtig finde, auf diese Thematik aufmerksam zu machen.

Denis

„Für mich zeigt sich Ungleichgültigkeit nicht nur in bestimmten Momenten im Alltag, sondern für mich ist dies eine Art Grundhaltung im Leben.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Die politische Lage hat sich in den letzten Jahren, meiner Meinung nach, verändert. Während die AnhängerInnen des rechten Lagers in der Öffentlichkeit versuchen, immer lauter zu werden, entwickelt sich auch der Gegenpol stärker und Zivilcourage wird sichtbarer und gefühlt mehr. Die Fronten werden größer und dadurch kommt es zu einer Spaltung der Gesellschaft. Während es eine Zeitlang undenkbar war, dass rechte Tendenzen so deutlich ausgesprochen und gelebt werden, ist es aktuell wieder an der Tagesordnung, dass man in der Presse, auf der Straße und so weiter rechte Parolen mitbekommt. Auch durch die sozialen Medien ist es leichter geworden rechte, sexistische und homophobe Gedanken in die Welt hinaus zu rufen. Gleichgesinnte finden sich schneller und versuchen so, in Gruppen andere Menschen zu beeinflussen. Während man in bestimmten digitalen Netzwerken schnell das Gefühl bekommen kann, dass es immer mehr rechte Äußerungen gibt, ist es doch sehr beruhigend und schön zu sehen, wie viele Menschen auf die Straßen gehen, wenn es hier Demos gegen Nazis gibt. Dies zeigt, dass die Stimmungsmache im Netz größer wirkt, als sie eigentlich ist. Bielefeld zeigt klare Haltung und zeigt meines Erachtens auch verstärkt, dass Zusammenhalt wichtig ist für eine bunte, offene Stadt. Gerade die junge Generation scheint sich zu mobilisieren und wird wieder zunehmend politischer.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Durch die öffentliche Präsenz von rechten Gruppen und Parteien, entwickelt sich bei vielen BielefelderInnen auch der Wunsch danach, klare Grenzen aufzuzeigen und zeigen zu wollen, dass die Mehrheit solcherlei Haltungen nicht mitträgt. Dadurch haben sich in den letzten Jahren und Monaten viele Gruppen zusammengefunden, die Demos organisieren und immer wieder aufrufen, für eine klare Haltung einzustehen und das zu zeigen. Ich denke da zum Beispiel an die Demos gegen Rassismus, Black Lives Matter Veranstaltungen auf dem Kesselbrink und die vielen Sichtbaren Banner in der Stadt mit „leave no one behind“ drauf und der Regenbogenfahne. Die Fridays for Future Bewegung hat es geschafft, dass viele junge Menschen auf die Straße gehen und sich dort sogar viele ältere angeschlossen haben und einen Diskurs ausgelöst haben, der mehr als überfällig war. Dadurch entsteht ein gewisser Zusammenhalt bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Hingegen jedoch auch eine Trennung von Leuten, die dem ganzen nichts abgewinnen können. Ob dadurch eine dauerhafte Spaltung in der Gesellschaft in Bielefeld folgt, kann ich noch nicht beurteilen. Die Sorge ist jedoch vorhanden.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Bielefeld bei der letzten Nazi Demo hat gezeigt, wie ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen kann und sollte. Zig tausend Menschen auf der Straße machen mobil gegen rechtes Denken. Ich würde mir wünschen, dass dies noch viel mehr wächst, dass bei einer großen Stadt wie Bielefeld nicht 10.000 Menschen demonstrieren, sondern noch viel mehr. Dass der Alltagsrassimus endlich aufhört und die Toleranz in Bielefeld für andere Lebensmodelle wächst. Noch mehr Zusammenhalt und etwas weniger Egoismus würde der Gesellschaft sehr guttun. Wenn alle Menschen mehr Empathie und Interesse füreinander zeigen würden, wäre das ein großer Schritt in ein ungleichgültigeres Bielefeld.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Ich versuche, die Stadt mit bunten und fröhlichen Bildern im öffentlichen Raum mitzuprägen und der grauen Stadt etwas mehr Farbe zu geben. Außerdem versuche ich, die Chance zu nutzen, mit Bildern oder bei Workshops eine Message zu verbreiten, indem ich den TeilnehmerInnen aufzeige, dass auch sie die Stadt mit verändern und prägen können.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller

Kontakt

Denis
E-Mail: syck@einsyckartig.de
Web: www.Einsyckartig.de