Burcu

Burcu

Direkt das Schwierigste zuerst: Sich selbst vorstellen. Um sich selbst vorstellen zu können, muss man sich selbst erstmal kennen. Dies ist auch schon der erste Punkt, an dem ich ungleichgültig reagiere. Phrasen wie „ich bin halt so“ finde ich nicht ganz passend. Besser passt meistens „ich will so sein“, denn Menschen verstecken sich gerne hinter selbst kreierten Konstrukten und scheuen sich vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Dabei merken sie gar nicht, welche Chancen ihnen entgehen.

Also wie will ich wohl sein? Bin ich schon so geworden? Ist es noch ein weiter Weg oder nähere ich mich schon meinem Ziel? Wie häufig darf man sein Ziel eigentlich wechseln? Menschen können vielem gegenüber gleichgültig sein, weil es zu anstrengend sein kann, sich mit diversen Themen kritisch auseinanderzusetzen und weil es so den Alltag erleichtert. Aber man sollte niemals sich selbst gegenüber gleichgültig werden. Man sollte nicht nur offene Ohren haben für all die Dinge, die die Welt entsendet, sondern genauso auch für die Welt in einem selbst, mit all seinen Wünschen und Bedürfnissen. Denn erst wenn man sich selbst kennt, wertschätzt und für sich selbst seinen inneren Frieden findet, kann man auch für andere wahrlich einstehen und Frieden in die Welt entsenden.

Nun aber doch kurz zu meiner Person. Ich glaube, dass jeder Mensch die Summe seiner Werte, Einstellungen, Ideen, Visionen, Träume und Ängste ist. Jetzt kennt ihr eine meiner Ideen und ich finde dies sagt viel mehr aus über mich als die Information, dass ich Burcu heiße. Ich bin gebürtige Bielefelderin und habe eine schöne Kindheit rund um den Siegfriedplatz gehabt. Mittlerweile bin ich groß geworden, berufstätig und „mitten im Leben“, wie manche sagen würden. Nun heißen aber reinrassige Arier nicht Burcu. Also ja, dies lässt auf einen Migrationshintergrund schließen oder aber auf abenteuerlustige Eltern, die in einem Sommerurlaub einen Namen aufgeschnappt haben, den sie Ihrer Tochter gewidmet haben. Also ja, ich bin eine Frau. Außerdem sei man so alt wie man sich fühlt; was denkt ihr, seit wie vielen Jahren bereist meine Seele diese Welt?

Ungleichgültig sein hat eine sehr positive Assoziation für mich. Ich verstehe darunter Zivilcourage und Mut, Rebellion und Empathie, Reflexion und Aktivismus. Das Chaos auf der Welt liegt zum Teil nicht daran, dass es zu viele böse Menschen gibt, sondern daran, dass die guten Menschen gleichgültig reagieren. Wahrscheinlich ist dies auch bedingt durch die mediale Reizüberflutung. Folglich manifestiert sich dies in den Menschen als der Gedankengang, dass man sowieso nichts ändern könne. Aber dem ist nicht so! Wir müssen nicht alles neu erfinden, sondern im Alltag anfangen ungleichgültig zu reagieren, wenn etwas geschieht, was wir mit unseren Werten nicht vereinbaren können, was unserem Wesen widerspricht – was nicht menschlich ist.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Vorab sei gesagt, nur weil man mal in einer Situation vorbildlich ungleichgültig reagiert hat, bedeutet dies noch nicht, dass man die Weisheit mit dem Löffel gegessen hat. Man muss sich immer wieder und wieder bewusst machen, dass diese Welt unser Zuhause ist und wir hier keinen Raum lassen dürfen, für all das Negative. Und wenn Gleichgültigkeit bedeutet, kein Interesse an den Dingen um sich herum zu zeigen, dann sind Kinder die begabtesten LehrerInnen für diese Lektion. Wir dürfen das Funkeln in den Augen nicht verlieren. Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen. Wir müssen das ungleichgültige Kind in uns am Leben erhalten und all unsere Sinne für diese Welt öffnen. Jede/r von uns ist ein Teil dieser Welt, keiner ist nur ein/e ZuschauerIn. Du entscheidest selbst, welche Rolle du einnimmst — ob du eine Requisite sein willst, oder die Hauptrolle. Vielleicht nimmst du auch den Stift in die Hand und bist selbst der/die AutorIn, welche/r die Geschichte der kommenden Ära schreibt?

Ein Beispiel aus meinem Leben: Viele Menschen mit einem Migrationshintergrund fühlen sich benachteiligt oder werden offensichtlich benachteiligt. Das ist eine Diskussion für sich. Aber ich finde, jeder Mensch ist seines Glückes SchmiedIn und wenn etwas nicht klappt, dann hat das liebe Schicksal vielleicht einen anderen Plan. Aber es hilft keinem, sich hinter der Debatte um Chancengleichheit zu verstecken, ohne etwas zu tun. Ich kann vielleicht nicht von heute auf morgen die erste Bundeskanzlerin mit Migrationshintergrund werden, aber ich kann für mich schauen, was ich in meinem persönlichen Umfeld bewirken kann. So habe ich mich auf die Suche nach ehrenamtlichen Projekten begeben und bei der Stadtbibliothek angefragt, was so angeboten wird. Fragen kostet bekanntlich nichts, aber die Antworten können sehr wertvoll sein. So bin ich auf die Lesestunden für Kinder in der Stadtbibliothek aufmerksam geworden und habe mich dazu entschlossen, Lesepatin zu werden. Ungefähr einmal im Monat führe ich die Lesestunde durch. Was passiert dort? Sachlich betrachtet, ist es nur ein/e LesepatIn, die Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren drei bis vier Bücher vorliest. Aber wenn man das ganze mal visionär betrachtet, ist das für mich weltbewegend. Denn diese Kinder, also unsere Zukunft, wachsen mit der Selbstverständlichkeit auf, dass eine Frau mit Migrationshintergrund in fließendem Deutsch und mit Enthusiasmus in der Stadtbibliothek Geschichten vorliest. Das ist normal. Das zweifelt kein Kind an. Wenn diese Kinder erwachsen werden und in der Bank, in der ärztlichen Praxis, im Rathaus oder im Supermarkt auf Menschen mit Migrationshintergrund treffen, werden sie deren Existenz nicht anzweifeln. Es wird normal sein, denn seitdem sie klein sind, sind sie in den verschiedensten Lebensbereichen bereits mit den verschiedensten Menschen zusammengekommen und der Fokus wird auf den inneren Werten liegen. Wir können nichts daran ändern, dass die Gesellschaft vor 60 Jahren nicht so bunt war wie heute und, dass in der Nachkriegszeit die Menschen andere Wertvorstellungen hatten und entsprechend ihre Kinder anders erzogen haben. In dieser Zeit haben wir nicht gelebt und selbst wenn, jetzt ist diese Zeit vorbei. Aber was wir tun können, ist, die heutige Zeit zu prägen.

Ich reagiere ungleichgültig, wenn Menschen mit einem Migrationshintergrund wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, nur weil man meint, sie seien anders, fremd, unbekannt. Mensch ist Mensch und daher setze ich mich in den verschiedensten Bereichen dafür ein, präsent zu sein und zu zeigen, dass jede/r einen Platz an diesem Tisch hat. Denn auf diesem Tisch ist genug für alle da, niemand muss fürchten, nur weil jemand anderes kommt, selbst weniger zu bekommen. Denn jede/r, der/die kommt, bringt etwas mit und erst so füllt sich der Tisch.

Burcu

„Aber man sollte niemals sich selbst gegenüber gleichgültig werden.“

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Denn Bielefeld ist nicht blond, sondern bunt.

Wo sind Sie gleichgültig?

(Un)gleichgültigkeit ist ein Teil von mir. Also bin ich überall, wo die Wege mich hintreiben (un)gleichgültig.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Schlagworte wie Chancengleichheit, Rassismus oder Diskriminierung lösen viele Debatten aus. Dabei ist jede/r irgendwo ein/e AusländerIn und erlebt diese Schwierigkeiten. Einerseits gibt es Orte auf dieser Welt, wo du dem Schönheitsideal entsprechen wirst und andererseits gibt es Orte, wo du keinen Anschluss finden wirst. Unabhängig davon, ob homogene oder heterogene Umgebung, beides kann Segen oder Fluch sein. Denn es geht nicht darum, wie wir aussehen, sondern darum, wie gut sich unsere Herzen miteinander verbinden. Wenn wir alle verstehen, dass es nicht das äußere Erscheinungsbild ist, sondern die Seelen in diesen Schalen, die uns zu dem machen, was wir sind, werden wir auch irgendwann aufhören, uns nach diesen Attributen zu klassifizieren und basierend auf selbstbestimmten Kriterien uns selbst zu glorifizieren.

Ich finde, unser Liebefeld ist bereits ungleichgültig. Aber so, wie es in jeder Familie diesen einen Onkel gibt, der ohne Taktgefühlt spricht, die eine Cousine, die nur an sich selbst denkt oder die eine Tante, die ihr emotionales Chaos nicht kontrollieren kann, hat auch die Familie Liebefeld Menschen mit vielen Facetten. Wenn es um die eigene Familie geht, akzeptiert, toleriert, respektiert man all diese Facetten. Nun müssen wir lernen, dies genauso auf unsere Mitmenschen zu übertragen. Bielefeld ist bereits ein Wohnort mit viel Harmonie, aber auch hier können unschöne Dinge passieren. Wichtig ist, dass wir dann gemeinsam diesem Onkel helfen, die richtige Wortwahl zu finden, der Cousine erklären, dass die Welt viel mehr zu bieten hat und der Tante eine Freude bereiten. Wir müssen nicht alles in Bielefeld austauschen, sondern uns mit der Familie Liebefeld austauschen.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Überall, denn Bielefeld ist mein Zuhause. Wenn es Zuhause dreckig ist, räumt jede/r auf. Keine/r lässt den Dreck gleichgültig liegen. Bielefeld ist mein Zuhause. Also egal, wo ich etwas Unpassendes sehe, reagiere ich so, als wäre es mitten in meinem Wohnzimmer und räume auf.

Um ungleichgültig reagieren zu können, muss dies eine Herzensangelegenheit sein. Bielefeld ist unser Zuhause und wir sind alle gemeinsam für die Harmonie hier verantwortlich. Wir sind alle GastgeberInnen und Gast zugleich. Wenn wir als GastgeberIn mal in Bielefeld beobachten wie Unrecht geschieht, müssen wir alle aktiv werden, denn niemand will, dass im eigenen Zuhause Unrecht geschieht. Jedoch, wenn wir uns an einem schlechten Tag als Gast mal danebenbenehmen und ein/e GastgeberIn uns darauf aufmerksam macht, müssen wir auch lernen zuzuhören und die Fassung zu bewahren. Bielefeld hat die besten MitbewohnerInnen! Danke, dass ihr ein Teil dieser wundervollen Stadt seid und unser Zuhause zu dem macht, was es ist.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller

Kontakt

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E-Mail: burcu.arslan@hotmail.de