Bert-Ulf

Bert-Ulf

Bert-Ulf aus Norddeutschland, seit 26 Jahren in der Region OWL-Bielefeld zuhause, 52 Jahre alt und von Beruf Krankenpfleger und Dipl. Berufspädagoge (FH). Seit 2005 als Sozialarbeiter in der Aidshilfe Bielefeld e.V. tätig. Arbeitsschwerpunkte sind die Beratung von HIV-Positiven und Förderung von Selbsthilfe. Auch bin ich für die Schwulen- und Trans*-Beratung in der Aidshilfe zuständig, wie auch für das Talk&Test-Angebot für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben). Dieses Angebot findet in Kooperation mit dem Gesundheitsamt Bielefeld statt.

Weiterhin bin ich Koordinator von Herzenslust (Prävention von Schwulen für Schwule), Queer Refugees Support (Jugendgruppe und Beratung für queere Flüchtlinge) und von PRADI (Prävention, Antidiskriminierung, Integration für Schwule mit Fluchterfahrung oder Migrationsgeschichte). Seit mehreren Jahren Vorstand von BIE Queer e.V.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Für mich persönlich und auch in meiner Arbeit ist ein immer wiederkehrendes Thema der Ungleichgültigkeit die Auseinandersetzung mit Diskriminierungen und Mehrfachstigmatisierungen von LSBTIQ*, wie zum Beispiel Schwul und dann auch noch HIV-Positiv oder Schwul und people of colour.

Leider erlebe ich es immer wieder, dass heterosexuelle Lebensweisen und deren Moral- und Ordnungsvorstellungen in unserer Gesellschaft allgemeingültig sind. Dadurch werden Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität in vielen gesellschaftlichen Bereichen des Lebens sowohl mit strukturell bedingter Diskriminierung als auch mit offener Ausgrenzung und auch mit Gewalt konfrontiert. Es gehört auch zum Alltag, dass immer wieder gesagt wird, dass Themen wie Homosexualität doch gesellschaftlich akzeptiert seien und keine Ungleichheit mehr bestehen würde. Wie definieren wir Ungleichheit möchte ich da fragen? Wie sichtbar sind lesbische und schwule Lebensentwürfe in der Gesellschaft, wie selbstverständlich ist Homosexualität oder Transidentität in der Schulbildung, in der Werbung, in Filmen, der Literatur und so weiter, wie selbstverständlich ist es, dass Lesben und Schwule Kinder bekommen und großziehen, um nur einige sehr augenscheinliche Beispiele zu nennen. Das sind die Momente, die mir immer wieder begegnen und denen ich nicht gleichgültig gegenüberstehen kann.

Bert-Ulf

„Das sind die Momente, die mir immer wieder begegnen und denen ich nicht gleichgültig gegenüberstehen kann.“

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Ich kann es mit meinem humanistischen, demokratischen Verständnis nicht in Einklang bringen, dass Menschen immer noch alltäglich aufgrund von Ethnie und sexueller Identität diskriminiert und stigmatisiert werden.

Wo sind Sie gleichgültig?

Beim Nachdenken über die Frage fällt mir auf, dass es eigentlich kaum Themen gibt die mich gleichgültig lassen oder so gar nicht interessieren. Die meisten Dinge, ob im Positiven oder im Negativen berühren oder betreffen auch mich und mein Leben und dann bin ich nicht mehr gleichgültig.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Im LSBTIQ*Bereich in Bielefeld hat sich in den letzten Jahren einiges zum Positiven verändert. Wir haben durchaus viel erreicht. Der Aktionsplan zur Gleichstellung von LSBTIQ* ist überarbeitet worden und wird aktiv umgesetzt. Es gibt eine Gleichstellungsbeauftragte für diesen Bereich. Finanzielle Mittel für Jugendprojekte, wie YAY, Trans*Cafe, Mosaik und SCHLAU sind zur Verfügung gestellt worden. In den letzten Jahren sind viele Gruppen in Bielefeld entstanden, wie zum Beispiel: Schwule Väter, Schwule 50 +, Transmann e.V., Transident, und so weiter. Der CSD wird jedes Jahr größer und bunter. Der Oberbürgermeister lebt offen schwul und flaggt jährlich zum CSD die Sparrenburg und das Rathaus. Es gibt in Bielefeld eine Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, das kommt unserem QRS-Projekt sehr zugute und das macht auch Mut.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Es ist in den letzten Jahren eine größere Sichtbarkeit von LSBTIQ* in Bielefeld erreicht worden. Die Szene hat viele Freunde und UnterstützerInnen gefunden. In diesem Jahr gab es zum CSD eine Flaggenaktion an der sich über 500 BürgerInnen beteiligt haben. Es gibt eine größere Bereitschaft zum Austausch und eine bessere Kommunikation über Themen, die LSBTIQ* betreffen. Themenspezifische Fachvorträge, zum Beispiel mit der Thematik Trans* oder die CSD-Fachtage, werden sehr gut besucht und es finden rege Diskussionen statt. Auch eine wissenschaftliche Studie zu den Lebenslagen von LSBTIQ* mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen wird in NRW mit dem Schwerpunkt Bielefeld durchgeführt und unterstützt.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Weltoffen und vorurteilsfrei. Es gibt einen offenen Dialog in der Bielefelder Gesellschaft über Diskriminierung und eine Sensibilisierung gegenüber Mehrfachdiskriminierung, auch innerhalb der Community. Bielefeld ist ein gutes Beispiel dafür, dass Beharrlichkeit und Netzwerke sich bei der Umsetzung von Antidiskriminierungsmaßnahmen auszahlen.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

In Bielefeld und überhaupt ungleichgültig bin ich bei der Diskriminierung von LSBTIQ*-Personen, bei Mehrfachstigmatisierung und bei Fremdenfeindlichkeit.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller