Anke

Anke

Anke, Jahrgang 1964, zunächst Zufalls-, dann Wahlbielefelderin. Neugierig auf die Auseinandersetzung mit dem Kunstbegriff „Ungleichgültigkeit“. Geschäftsführerin der Beratungsstelle Wildwasser Bielefeld e.V., freiberufliche Dozentin in unterschiedlichen Kontexten.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Interessant an der Fragestellung finde ich, dass es demnach um eine Ungleichgültigkeit geht, die gezeigt wird, also eher im öffentlichen Raum sichtbar wird. Vor diesem Hintergrund sind es in meinem persönlichen und beruflichen Alltag vor allem Themen und Momente, die im weitesten Sinne mit Ungerechtigkeit, Entwürdigung oder Ausgrenzung, Macht und Ohnmacht zu tun haben. Beispielsweise (sexualisierte) Gewalt, Sexismus, Rassismus und Homophobie. Momente, die meine „Ungleichgültigkeit“ aktivieren, gibt es in diesem Kontext eigentlich täglich in allen Facetten und Ausprägungen. In der Begegnung mit Menschen, die bspw. (sexualisierte) Gewalt, Beschämung und Abwertung erleben, bei Fortbildungen und Vorträgen, in politischen Gremien und Arbeitskreisen, bei Öffentlichkeitsaktionen wie dem CSD oder „Reclaim the Night“, in Diskussionen mit Unbekannten oder mit FreundInnen, beim Lesen oder Schauen von öffentlichen Berichterstattungen zum Thema, … Neben dieser „aktiven“ gibt es parallel auch eine weniger öffentliche Ungleichgültigkeit, im Sinne von Themen und Bereichen, die mir keineswegs egal oder weniger wichtig sind, für die mein Engagement jedoch eher nicht öffentlich und sichtbar ist, wie beispielsweise Natur- und Tierschutz, Klimawandel, …

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Weil sie mich persönlich bewegen und beschäftigen: sei es, dass ich froh, zufrieden und sicher oder aber verärgert, erschüttert und traurig bin. Das Verbindende an diesen Momenten ist, dass es um Themen geht, die mich interessieren, zu denen ich eine klare Meinung und Haltung habe, die meinen Kopf und mein Herz berühren und für die ich bereit bin, aktiv zu werden. Entweder, indem ich dafür eintrete, dass es so bleibt wie es ist oder sich verändert. Ungleichgültigkeit ist für mich keine „feste Konstante“, sondern kann — je nach aktuellem Kontext und individuellen Gegebenheiten — variieren, mal mehr und mal weniger stark ausgeprägt sein und auch die Prioritäten verändern sich ab und zu. In den meisten Fällen ist es dann eine bewusste Entscheidung, ungleichgültig zu sein, sowohl im öffentlichen, beziehungsweise sichtbaren Raum (zum Beispiel bei der Teilnahme an Demonstrationen) als auch auf privater, beziehungsweise eher unsichtbaren Ebene (beispielsweise insektenfreundliche Blumen zu pflanzen).

Anke

„Gleichgültigkeit sehe ich hier weniger als 'Ist-mir-total-egal-Einstellung', sondern eher als 'Kannst-du-eh-nichts-dran-ändern-Gefühl'.“

Wo sind Sie gleichgültig?

„Gleichgültigkeit“ ist sehr vielschichtig: dem Wortsinn nach, ist es ja eigentlich ein eher positiver Begriff, indem er beinhaltet, dass unterschiedliche Dinge oder Sachverhalte die gleiche Gültigkeit haben und keine Bewertung vorgenommen wird. Diese Aufhebung der Polarisierung ermöglicht somit auch ein Nebeneinander und Diversität. Im alltagsprachlichen Gebrauch ist der Begriff jedoch vor allem negativ besetzt, da er mit geringem Interesse an, oder Wichtigkeit von einem Thema gleichgesetzt wird. Ich erlebe mich vor allem in den Situationen als gleichgültig, wenn ich das Gefühl habe, nicht selbstwirksam und handlungsfähig zu sein, oder mit meinen zur Verfügung stehenden Kompetenzen nichts ausrichten zu können. Gleichgültigkeit sehe ich hier weniger als „Ist-mir-total-egal-Einstellung“, sondern eher als „Kannst-du-eh-nichts-dran-ändern-Gefühl“. Also ein Stück weit eine eigene Auswahl und Priorisierung von Bereichen, in denen ich mich engagiere und einer pragmatischen Einschätzung von eigenen Ressourcen und Fähigkeiten, die ich aktiv einbringen kann. Insofern vielleicht auch ein Schutz- oder Themenfilter, um nicht in ein „ungerichtetes Überengagement“ zu verfallen.

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Diese beiden Fragen würde ich gerne zusammen beantworten. Hier vor Ort bilden sich im Kleinen die Themen und Prozesse ab, die auch gesamtgesellschaftlich zu beobachten sind und aufgrund der Themenvielfalt ist es kaum möglich, diese Fragen zu beantworten, ohne oberflächlich zu werden. Von daher kann ich mich vor allem kurz auf die Bereiche beziehen, die in meinem beruflichen und privaten Alltag am relevantesten sind. Rückblickend auf die vergangenen Jahre, ist mein Eindruck des regionalen „Gesellschaftsklimas“ ein „sowohl als auch“. Zum einen gibt es in Bielefeld vielfältige und differenzierte Bewegungen und Zusammenschlüsse von Menschen, die sich für gesellschaftspolitische Belange einsetzen: sei es zu sozialen Themen, wie beispielsweise die Situation von geflüchteten Menschen, gegen Rassismus oder zur Gendergerechtigkeit, zu umweltpolitischen Themen, wie dem Klimawandel, dem Radentscheid oder dem Erhalt der Mufflonherde im Teutoburger Wald. Im Vergleich zu ähnlich großen Städten, finde ich es immer wieder beeindruckend, wie viele Menschen sich in Bielefeld engagieren, ihre Meinung öffentlich kundtun, Projekte initiieren und kreative Ideen entwickeln. Zum anderen erlebe ich aber auch eine Müdigkeit oder Entmutigung, aktiv zu werden, da viele gesellschaftspolitische Themen schon lange diskutiert und kritisiert werden und Veränderungen oftmals kaum oder nur langsam umgesetzt werden, wie beispielsweise beim Atom- oder Kohleausstieg. Ich glaube, das Gefühl der eigenen Wirkungslosigkeit führt zum einen zu einer Gleichgültigkeit — im Sinne von „egal sein“ — oder Resignation, birgt zum anderen aber auch die Gefahr Entwicklungen zu begünstigen, die eigene Wirksamkeit mit rigiden, grenzüberschreitenden oder gewaltsamen Aktionen zu erzwingen. Zurzeit leben wir alle — durch die COVID19 Pandemie — ja in einer Art Ausnahmezustand, in dem sich manche langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen in komprimierter Form zeigen: Wir erleben zum einen Solidarität, Wertschätzung, Rücksichtnahme und eine Rückbesinnung auf ethische Fragestellungen und zum anderen eben auch Egoismus, Ausgrenzung, Ellenbogenmentalität und eine Rohheit gegen Andere. Diese gegensätzlichen Strömungen zeigen sich auch in Bielefeld.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ein ungleichgültigeres Bielefeld ist an offenen Dialogen und einem lebendigen Austausch interessiert und bietet den Menschen die Möglichkeit, teilzuhaben und wirksam zu sein. Ich stelle mir einen Ort vor, an dem umfassende Themen und Entwicklungen erkannt und anerkannt werden, zunächst ein „weiter Blick“ eingenommen und dann fokussiert wird. Ungleichgültig zu sein ist eher eine Haltung und bedeutet nicht, schon eine Lösung zu haben, sondern eher die Bereitschaft zu zeigen, sich beherzt und entschlossen für Themen zu engagieren.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Bei Themen, die mich interessieren und berühren und an Orten, die mir die Möglichkeit bieten, mit anderen aktiv zu sein und Prozesse zu gestalten.

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller

Kontakt

Anke Lesner
E-Mail: a.lesner@wildwasser-bielefeld.de
Web: www.wildwasser-Bielefeld.de