Amelie

Amelie

Mein Name ist Amelie, ich bin 18 Jahre alt und studiere ab Herbst 2020 Wirtschaftspsychologie an der International school of Management in Köln. Die letzten Jahre habe ich mich sozial aber auch politisch innerhalb der Bezirksschülervertretung im Rathaus engagiert und seit über einem Jahr bin ich Teil der Gruppe Junge Bielefelder couragieren. JuBiCo ist eine Gruppe die sich aus 20 SchülerInnen im Alter von 13 bis 23 Jahren zusammensetzt. Deswegen würde ich meine Ungleichgültigkeit besonders in Form von Zivilcourage definieren.

In welchen Momenten zeigen Sie sich in Ihrem Alltag ungleichgültig?

Diese Frage ist insofern schwierig zu beantworten, als dass sie ja direkt mit der Frage verbunden ist, wann man im Alltag gleichgültig ist. Deswegen würde ich sagen, dass es natürlich die Momente sind, in denen irgendjemand egal ob Familie, Freunde oder Fremde ungerecht behandelt werden. Kann aber auch zu aktuellen Themen sein, wie Tierversuchen, Klimawandel, und so weiter. Allgemein gesprochen zeige ich mich ungleichgültig, immer wenn ich die Verantwortung für etwas übernehme.

Warum zeigen Sie sich in diesen Momenten ungleichgültig?

Bezogen auf die Familie, Freunde oder Fremde, weil man diese beschützen und für sie da sein will. Das generelle Gefühl, aus Gerechtigkeit zu handeln, spielt dabei eine große Rolle. Man kann sich in solche Momente hineinversetzen und handelt so, wie man sich wünschen würde, wie andere dann handeln. Hauptsächlich aber, weil es menschlich ist. Was wäre der Mensch, wenn ihm alles egal ist? Was wäre der Mensch ohne Ungleichgültigkeit? Genau! Nicht lebensfähig. Ungleichgültigkeit macht den Menschen aus.

Wo sind Sie gleichgültig?

Da mit dieser Frage auf reelle Orte abgezielt wird, würde ich sagen nirgendwo. Es gibt für mich keinen spezifischen Ort den ich hierbei benennen könnte, da es mir wichtig ist, überall hilfsbereit zu sein und Courage zu zeigen, egal ob in der Fußgängerzone, in Bus oder Bahn. Wenn ich allerdings an einen virtuellen Ort denke, wären es soziale Medien, die mir manchmal gleichgültig erscheinen. Je nach Prioritäten, die ich mir dabei setze.

„Wo die Konflikte zu toleranten Konversationen auf Augenhöhe werden.“

Wenn Sie das gesellschaftliche Klima in Bielefeld der letzten Jahre Revue passieren lassen, wo sehen Sie Veränderungen?

Über diese Frage musste ich lange nachdenken. Denn, als ich diese Frage gelesen habe, kamen nur noch mehr Fragen, die ich mir gestellt habe. Kann man überhaupt davon ausgehen, dass es nur ein gesellschaftliches Klima gibt, wenn die Gesellschaft doch so divers ist und man die Blickwinkel doch eigentlich differenzieren müsste. Wie lässt sich dann differenzieren? Und sind die Veränderungen dann für die gesamte Gesellschaft sichtbar? Ich glaube nicht. Metaphorisch betrachtet, würde ich das gesellschaftliche Klima als einen Garten beschreiben, in dem an verschiedenen Stellen die Sonne scheint, aber auch Schattenecken zu sehen sind, wo die einen höher stehen als die anderen und sich somit viele kleine Klimata bilden, die von dem gesamt Bild des Gartens vielleicht überdeckt werden. Die Anfangsfrage würde jeder also anders betrachten, abhängig davon, wo am man selbst in dem Garten beziehungsweise in der Gesellschaft steht. Ich selbst kann also nur den Bereich um mich herum beschreiben und in dem erlebe ich wenig Gleichgültigkeit. Die Veränderungen, die ich erlebe, sind, dass die politischen Meinungen immer extremer werden. Es gibt ein verstärktes Interesse von SchülerInnen bei Demos, Petitionen und so weiter. Junge Menschen wollen ein sichtbares Zeichen setzten und Teil einer Gemeinschaft sein. Ganz allgemein bei Themen, wo das Verantwortungsbewusstsein zusammen mit dem Drang nach Änderungen zusammen kommt, beispielsweise den Themen Umwelt und Politik. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es mehr Aktionen auf dem Jahnplatz gibt. Wobei auch auffällt, dass die Themen, die letztes Jahr zu der Zeit hoch diskutiert und aktuell waren, jetzt in den Hintergrund geraten sind. Nehmen wir mal das Beispiel Fridays for Future, vor Monaten noch Hauptgesprächsthema, egal ob mit Freunden oder den Großeltern bei der Familienfeier und heute fast schon wieder verdrängt, weil andere Themen plötzlich wichtiger erscheinen. Die Prioritäten ändern sich täglich, bei jedem/r von uns. Weitreichende Handlungsänderungen bleiben aus und das sollte sich ändern. Die allgemeine Gleichgültigkeit sollte durch gelenkte Aufmerksamkeit und mehr Zivilcourage ersetzt werden.

Wie haben diese Veränderungen das gemeinschaftliche Zusammenleben in Bielefeld beeinflusst?

Hierbei tritt aber auch der Konflikt innerhalb der Generationen stärker in den Vordergrund. Zudem entsteht aber auch gerade bei jüngeren Menschen durch beispielsweise Demos ein stärkeres „Wir-Gefühl“. Die gleiche, oder ähnliche Meinung bei bestimmten Dingen lässt eine Verbundenheit entstehen, „gemeinsam für eine Sache stark sein“.

Wie stellen Sie sich ein ungleichgültiges Bielefeld vor? Wie könnte ein ungleichgültiges Bielefeld aussehen?

Ein Bielefeld, wo sich viele gesellschaftliche Gruppen für demokratische und soziale Themen engagieren. Wo man selbstverständlich Menschen hilft, wo man sich selbst in der Verantwortung sieht und diese nicht bei anderen sucht. Wo man sich zu mehr Zivilcourage verpflichtet und aus der eigenen „Bubble“ rauskommt, denn jeder kann Courage zeigen, ob aktiv oder passiv. Wo die Konflikte zu toleranten Konversationen auf Augenhöhe werden. All dies sind Idealvorstellungen, die, wenn man genauer hinschaut, utopisch sind. Wie wäre es, wenn niemandem etwas egal wäre? Wenn es keine Gleichgültigkeit gäbe? Vieles würde vermutlich kritisiert werden, da einem die Meinung anderer nicht gleichgültig sein kann. Wie würden die Menschen reden und handeln, wenn Sie keine Sichtweise als gleichgültig ansehen dürften? Wie wäre es bei Sichtweisen, die den eigenen Moralvorstellungen komplett widersprechen? Wenn ganz Bielefeld ungleichgültig wäre, müssten alle die gleichen Moral- und Wertvorstellungen haben und das ist aus meiner Sicht nicht realisierbar.

Wo sind Sie in Bielefeld ungleichgültig?

Ich habe mich im ersten Moment gefragt, was „Ungleichgültigkeit“ überhaupt genau bedeuten soll, da ich das Wort bis jetzt weder irgendwo gehört noch gelesen hatte. Für mich war bis jetzt das Gegenteil von „gleichgültig“ „interessant“ oder so etwas in der Art. Das Benutzen einer Neologie, welche eine direkte Verneinung des Wortes „gleichgültig“ bedeuten soll, ist für mich eine besondere Betonung des Gegenteils. In welcher Situation also verhalte ich mich gerade NICHT gleichgültig, vielleicht eine Situation, in welcher viele andere sich gleichgültig verhalten würden, weil ihnen bestimmte Sachverhalte, Situationen oder Aussagen egal sind, mir nicht. Als erstes kam mir da Zivilcourage in den Kopf. Egal wo ich in Bielefeld bin, es ist mir nicht egal, wie andere behandelt werden und deswegen finde ich es so wichtig, Courage zu zeigen. Mir selbst sind schon viele „Catcall“-Situationen begegnet. Ob Busfahrer oder Fremde Männer im Club, man selbst wünscht sich das andere aufmerksam sind und helfen, wenn man selbst das Gefühl hat, mit der Situation alleine nicht klar zu kommen. Was mir auch noch spontan einfällt, ist das Fehlen des Verwendens gendergerechter Sprache. Die meisten Menschen, die ich kenne, verwenden ohne nachzudenken in ihrem täglichen Sprachgebrauch lediglich das generische Maskulinum, also nur die männliche Form eines Begriffs, beispielsweise „die Architekten“ anstatt beispielsweise „die ArchitektInnen“. Das die Sprache, die wir verwenden einen Einfluss auf unser Denken hat, vergessen dabei die meisten. Nachdem ich mich länger mit gendergerechter Sprache auseinandergesetzt hatte, ist mir bewusst geworden, dass die Nutzung derer wichtiger ist, als man auf den ersten Blick meint. „Du bist doch mitgemeint“ sagen viele. Sie finden die gendergerechte Sprache kompliziert und unnötig. Ob diese sinnvoll und wichtig ist, oder nicht, ist eine andere Frage. Interessanter ist an dieser Stelle eher, dass es vielen noch nicht einmal auffällt, welche Form sie gerade in ihrer Sprache benutzen. Andere geben offen zu, dass es ihnen gleichgültig ist, ob man das generische Maskulinum, oder auch die weibliche Form mit verwendet. Das ist eine der Sachen, die mir nicht gleichgültig ist, obwohl viele andere die Diskussion oder die gendergerechte Sprache an sich für unnötig halten und ich meine, dass auch anderen Sprache nicht gleichgültig sein sollte. Man sollte sich mehr mit Zivilcourage, der eigenen Sprache, der eigenen Ungleichgültigkeit und vielen weiteren bereits genannten Aspekten auseinander setzten. Man sollte zum Denken anregen!

Fotos: ©️ 2020 Lara Müller